Warten auf den Saft

Zlatan Filipovic · ReStart, 2000, Video stills; Foto: Bernd Bodtländer

Zlatan Filipovic · ReStart, 2000, Video stills; Foto: Bernd Bodtländer

Anna Gudmundsdottir · One-Way Vision Screen, 2002; Foto: Axel Stephan

Anna Gudmundsdottir · One-Way Vision Screen, 2002; Foto: Axel Stephan

Fokus

Nach Rotterdam, Luxemburg und Ljubljana findet die wandernde europäische Biennale «Manifesta» mit dem wechselnden Kuratorenteam diesmal in Frankfurt/M statt. Während sich vor zwei Jahren bei der Manifesta 3 die damals vier KuratorInnen am Thema «Borderline Syndrome» abgearbeitet und teilweise auch zerstritten haben, scheinen sich die diesjährigen Kuratorinnen vielmehr in etwas lahmen Kompromissen arrangiert zu haben. Für jeden ist ein bisschen was dabei.

Warten auf den Saft

Manifesta 4

Minutiös wird Schraube um Schraube eingesetzt, angezogen, Schaltkreise werden montiert, Plättchen befestigt. Eine Operation mit dem Schraubenzieher – die Hände agieren flink und mit höchster Präzision und zum Schluss liegt da ein schmales, graues Notebook vor uns. Das Zusammensetzen eines kleinen Rechners hat eigentlich nichts Gefährliches an sich, aber gerade das wird über die konzentrierten, koordinierten Bewegungen suggeriert, die von einer Kamera neutral von oben registriert werden. In der fast unheimlichen mechanistischen Präzision dieser «Handarbeit» liegt vielleicht eine Verwandtschaft zu ähnlichen Handlungsabläufen, wie man sie mit dem Montieren von Schusswaffen assoziiert. «ReStart» ist der Titel dieser Video-Arbeit des bosnischen Künstlers Zlatan Filipovic, gezeigt im Untergeschoss des Städelschen Kunstinstituts, einer der Locations der Manifesta 4 in Frankfurt. In der insgesamt sehr werkangemessenen Präsentation der Arbeiten von rund neunzig Kunstschaffenden überzeugte besonders dieser Raum der Städelschule mit einer Inszenierung von frei hängenden Screens. Die BesucherInnen holen sich am Eingang einen Kopfhörer und behalten dann beim Rundgang Sichtkon-takt zu allen anwesenden Personen, bleiben aber durch die akustische Isolation allein mit sich in ihrer eigenen kleinen Kunstwelt. Ebenfalls im Städel, nur ein Stock-werk höher, agiert die Isländerin Anna Gudmundsdottir dagegen allein raumfüllend mit ausladender Geste. Sie hat die Plateaus des Stiegenabgangs mit opulenten, rosafarbenen Graffitis bemalt: Alltagserfahrungen oder Themenkomplexe wie neue Technologien werden zu einem umfassenden analytischen Bildtext verarbeitet – eine der seltenen Malereipositionen auf dieser Manifesta.

Der Rundgang durch die verschiedenen Ausstellungsorte in Frankfurt (Portikus, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurter Kunstverein) ist im Ganzen als Stadtspaziergang an den zwei Seiten des Mains angelegt: an Schauplätzen draussen geht es über eine Adaption von Picassos Guernica von Ibon Aranberri vorbei an Gianni Mottis Rekonstruktion der Zelle von Abdullah Öcalan – hier als weisse Hütte auf der Maininsel, die man von ferne auf einer Brücke passiert. Schliesslich wartet man am Ufer auf Orangen, die im trüben Wasser des Mains auftauchen und später ihren Verwertungszyklus beenden, indem sie zu Saft verarbeitet werden, eine Arbeit von Jasper van den Brink. Ein anderer Orangensaft wiederum wird im Frankensteiner Hof, einem für die Manifesta neuadaptierten Verwaltungsgebäude, ausschliesslich zusammen mit zwei Scheiben Toastbrot serviert und er heisst nach einer der Manifesta-Künstlergruppen «finger». Dieses Angebot ist Teil des Projekts von Dirk Fleischmann, der im Frankensteiner Hof die einzige Versorgungsstation dieses Ausstellungsortes eingerichtet hat. Das Publikum wartet geduldig, bis die Orangen gepresst sind – Kunst darf schliesslich nicht immer konsumiert werden. Also hat man Zeit, sich Gedanken zu dieser Manifesta zu machen.

Ego-Management   Die drei Kuratorinnen Iara Boubnova, Nuria Enguita Mayo und Stéphanie Moisdon Trembley gaben kein Generalthema vor, sondern haben ihren Fokus auf unterschiedliche zeitgenössische Kunstpraktiken gelegt. Dieser formale Freiraum liess radikalere Arbeiten erwarten, was als Anspruch jedoch nicht eingelöst wurde: So ist denn alles recht freundlich und nett, man spürt eine unaufgeregte Stimmung, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass ein Grossteil der Exponate von unsäglicher Bravheit und Angepasstheit ist. Als ob der Kunst die Themen ausgegangen wären, herrscht nun eine harmonische Bescheidenheit, und es ist nicht leicht zu sagen, ob dies ein Problem der Kuratorinnen oder der ausgestellten Künstlergeneration ist. Trotz so mancher kritisch gemeinter Arbeiten, scheinen hier Politik und Kritik in erster Linie zu risikolosem Ego-Management zu verkommen, und so ermüdet man beim Warten auf den Saft.

Bereits die Wahl des Standortes dieser wandernden Biennale, die im Übrigen unabhängig von den Kuratorinnen getroffen wurde, spricht dafür, dass man sich nach dem «Wagnis» in die Peripherie Europas – die Manifesta 3 fand in Ljubljana statt – gleich wieder in einem Zentrum, einem Business-Zentrum diesmal, installieren wollte. So funktioniert nun nicht nur die Zusammenarbeit mit den Institutionen der Stadt besser, sondern mit der Art Frankfurt wurde zudem ein kommerzieller Sponsor gewonnen. Dieser clevere Werbezug hat der Manifesta durch zeitgleiche Eröffnungen am selben Wochenende auch gleich ein grösseres Sammler- und Galeristenpublikum beschert. Aber das Risiko blieb auf ein Minimum reduziert. Das symptomatische Projekt in der Hinsicht findet sich gleich am Eingang des Frankfurter Kunstvereins: «Free Manifesta» lautet der Titel des Beitrags der US-Amerikanerin Sal Randolph, die ihre Teilnahme an der Ausstellung vom Schweizer Künstler Christoph Büchel auf einer e-bay Auktion für 15.099 US-Dollars ersteigert hat. «Glück gehabt», denkt man sich da, denn statt der nicht mehr als netten Idee, anderen Kunstschaffenden nun «freien Zugang» zur Manifesta zu ermöglichen, hätte mit der Internet-Auktion auch ein experimentelleres und weniger angepasstes Projekt zum Zug kommen können. Auf dem Parcours der engagierten Projektchen gibt es also wenige Momente der Verunsicherung oder sogar Verstörung, nach denen man sich plötzlich sehnt. So wie bei Zlatan Filipovic eine friedliche Beschäftigung potenzielle Unruhe hervorruft, hat Monika Sosnowska ein irritierendes System von identischen Kabinetten gebaut, Mika Taanila einen seltsamen Diskurs zwischen Wissenschaft und Ästhetik initiiert oder Hans Schabus sich auf eine unwägbare Reise gemacht, wo der «Freizeitkünstler» durch Abwasserkanäle schippert. Ein weiteres Sehnsuchtsmoment bildet daneben die Aufarbeitung von Vergangenheit, soliden modernistischen Formgebungen und Alltagsästhetiken in Architektur und Urbanismus, wie beispielsweise in den Arbeiten Florian Pumhösls, den Filmen Pia Rönickes oder den anonymen Foto-Archiven von OHIO.

Ansonsten erscheint die Kunst auf der Manifesta mehrheitlich als nettes Life-Style-Accessoire. Die Lettern «Resist» von Marc Bijl aussen auf den Säulen des Portikus mahnen die andere Flussseite: denn sicher wird hier nicht die Kunst zum Widerstand aufgerufen, sondern höchstens vielleicht Herr Öcalan, es noch ein bisschen in seiner Zelle auszuhalten. Wir aber spazieren im Schlenderschritt vorüber.

Die Manifesta findet an verschiedenen Schauplätzen statt. Neben dem Kunstverein, dem Städelschen Kunstinstitut, dem Frankensteiner Hof und dem Portikus sind an verschiedenen Orten im Aussenbereich einzelne Werke zu sehen. Infos unter www.manifesta.de. Bis 25.8.

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