Anselm Stalder in der Kunsthalle und der Galerie Friedrich

Anselm Stalder · «As if light could name a place», 2002, s/w Fotografie,
50 x 65 cm; Foto: Christoph Kern, Basel

Anselm Stalder · «As if light could name a place», 2002, s/w Fotografie,
50 x 65 cm; Foto: Christoph Kern, Basel

Besprechung

«Türe offen lassen» – nach «Die Verdoppelung der Möglichkeit» (1988) entwickelt Anselm Stalder sein Werk ein zweites Mal durch die Raumflucht der Kunsthalle Basel. Auch «Index 2» im ersten Saal ist nur eine Anspielung auf das Register einer möglichen Retrospektive, wie «Index 1», der gleichzeitig in der Galerie Friedrich mehrere Arbeiten aus verschiedenen Zeiten verbindet.

Anselm Stalder in der Kunsthalle und der Galerie Friedrich

Letztlich führen beide Ausstellungen zusammen wichtige Themen dieses breit angelegten, vielschichtigen Werkes weiter in ein ständig sich verzweigendes Verweisfeld. «Türe offen lassen» spielt an auf Durch- und Seitenblicke in einem stets wachsenden Bedeutungsgeflecht, dessen Wucherungen durch Widerspruch Transparenz schaffen in einer politischen Lage sich schliessender Zugänge.

Im dritten Saal der Kunsthalle drehen die oktopusartig ausgreifenden, rechtwinklig ineinander verschachtelten Beine der «Marschübung» von 1983 auf einer roten Scheibe an Ort, wie eine Parade der blockierten Kunst-Avantgarden! Die sieben Räume der Ausstellung – und die sieben Räume beim Gang zurück – verbindet je eine Arbeit aus der Reihe «as if?». Neben der «Marschübung» hängt so das Foto «as if light could name a place»: Diese Schwarzweissaufnahme zeigt eine Installation von vier Flutlichtstrahlern in der Anonymität einer leeren Messehalle. Das gleissend aggressive Licht schafft zwischen den Leuchten einen Kreis der Überhelle, die jegliche Bilder auslöscht. Diese Leerstelle aus reinem Licht verweist auf die Fotografie als Lichtkunst, zugleich schlägt der Ausfall von Bedeutungen um in die Frage, wo denn im inszenierten Stadion der Kunst noch Bedeutung zu finden ist. Für Anselm Stalder verbindet sich die Anspielung auf den taghellen Nachthimmel über Ground Zero mit Feltrinellis Tod beim Versuch, einen Strommast zu sprengen. Dabei fällt Licht auf die Funktion von Licht: Solche mobilen Flutlichtständer werden schliesslich auch in der Bergung bei Katastrophen eingesetzt, zur Erhellung von Räumungsgebieten, Tatorten, Fundstätten.

Zwei grosse Gläser, die im Grundriss eines T frei im Raum stehen, sind mit einer Überfülle leuchtender Figurationen bemalt, mit Bruchstücken kleinster Szenen, einem Konglomerat aus aneinandergelagerten Bilder, die sich verbinden, ohne sich einem narrativen Zusammenhang zu ergeben, sättigend aber bis hin zum Kollaps möglichen Sinns. Die Malerei dient hier nicht länger der Ausformulierung von Bildern, vielmehr wirkt sie als ein «Imaginationsfilter», in dem Gedanken sich verfangen können, um freigesetzt zu werden. Duchamps Grosses Glas wird noch einmal nackt und durchlässig durch eine überaus dichte Membran von Malerei.

Stalders Denken in komplexen Räumen bewegt sich entlang einer Peripherie, die kein Zentrum mehr kennt, in zahllosen Brechungen, Sprüngen, Quer- und Längsgängen. Seine unausgesetzte Reflexion – mitunter in durchaus realen Spiegelungen – mündet im hintersten Saal der Kunsthalle in einem Lichtgeviert um die «Talking Bells» (1991/92): Die drei Klang-Schreibmaschinen verbinden je eine Computertastatur mit einem Glockenspiel, dessen Klänge sich im Guss nach dem Grundriss handgezeichneter Buchstaben formen. Bei Gelegenheit wird das stumme Potential des Glockenspiels aktiviert. Wenn Stalder seine Texte zur Ausstellung im Zusammenspiel hörbar werden lässt, verdichten, verflüchtigen sich im Moment der Aufführung Wort und Schrift im Klang. Bedeutung wird im Wort-
sinn «übertragen»: von einer festen Stelle in die Weite des Raums.

«Index» ist auch ein Messwert der Anthropologie, welcher das Verhältnis der Schädellänge zur Schädelbreite in Prozenten wiedergibt – als liesse sich der Denkraum in einem Parameter fassen. Zwischen den Fixsternen seiner Konstellation von älteren und neusten Werken sprengt Anselm Stalder jede Dimensionierung des Denkens: «Türe offen lassen». Kunsthalle Basel bis 23.3.

Until 
27.02.2003

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