Silke Otto-Knapp im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen

Silke Otto-Knapp · Huntington Gardens (palms), 2002, Aquarell auf Leinwand, 50 x 35 cm

Silke Otto-Knapp · Huntington Gardens (palms), 2002, Aquarell auf Leinwand, 50 x 35 cm

Besprechung

Silke Otto-Knapps Aquarellmalerei könnte als Arbeit über urbane Idyllen bezeichnet werden. Die in London lebende Deutsche findet diese jedoch nicht in europäischen Städten, in denen es meist ein Zentrum und Strassen zum Flanieren gibt, sondern in der wuchernden, amerikanischen Metropole Los Angeles und der Wüstenstadt Las Vegas.

Silke Otto-Knapp im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen

Was Paris für das neunzehnte Jahrhundert war, ist Los Angeles für das zwanzigste – ein Modell für zeitspezifische Stadtentwicklung. Die umfassende Auseinandersetzung mit Architektur, gesellschaftspolitischen Themen und Umwelt gehören genauso zu Los Angeles wie die Imaginationen über diesen Ort, an dem angeblich Träume wahr werden. Las Vegas hingegen verkörpert in der Künstlichkeit seiner Entstehung und visuellen Wirkung die konsumorientierte Entertainmentindustrie unserer Zeit. So verwundert es nicht, dass sich Silke Otto-Knapp besonders für die Künstlichkeit und medialen Bilder dieser Städte interessiert. Ihrer Malerei wurden vorwurfsvoll impressionistische Züge nachgesagt. Dieser Vergleich verweist aber auch auf einen zeitgenössischen Umgang mit einem malerischen Denken, das zu Neubewertungen anregt.

Waren damals in Paris mit Menschen gefüllte, öffentliche Orte wie Boulevards, Cafés und Parks bevorzugte Themen, sind dies in Silke Otto-Knapps Bildern über L.A. Strassenzüge, Architekturdetails, Lichtermeere und Pflanzenwucherungen. Nie gibt es Menschen zu sehen, da man sich kaum mehr zu Fuss wie im damaligen Paris fortbewegt, sondern die weiten Entfernungen im Auto überbrückt. So haben sich nicht nur die Stadtimpressionen verändert, sondern auch die gesellschaftliche Ordnung. Wurden bürgerliche Handlungen wie Spazieren oder Picknicken in den Bildern der Impressionisten zelebriert, ist in Megastädten wie L.A. keine einheitliche Klasse und ethnische Zugehörigkeit auszumachen. Diese Städte zeichnen sich durch Heterogenität und das Nebeneinander vieler Kulturen aus. Insofern bietet ihre Wahrnehmung viele Facetten. Silke Otto-Knapps Fokussierung auf Details oder Weitblicke auf die Stadt Los Angeles, die kein Zentrum besitzt und sich ins schier Unendliche ausbreitet, sind konsequente Folgerungen der veränderten Situation. So verfliessen die Stadtränder in Realität ähnlich wie in ihren Bildern, in denen ihre Technik den Inhalt unterstützt. Sie setzt die verschwimmende Wirkung von Wasser ebenso ein wie die der Farben. Mit Punkten aus Neonfarben auf weisser Leinwand gibt sie den Eindruck auf das Lichtermeer L.A.s wieder. In ihren neuesten Bildern beschäftigt sie sich mit der Vegetation der kalifornischen Stadt, wo wunderschöne Pflanzen wild an den Strassenrändern wachsen. Ihr Interesse gilt jedoch der künstlich erzeugten Natur. Bilder aus dem botanischen Garten (Huntington Garden) konzentrieren sich auf das Überangebot von Pflanzen, auf eine wild wirkende aber gezüchtete Vegetation. Dieses Bildsujet dient ihr als Experimentierfeld, innerhalb dessen sich neue malerische Bildräume öffnen.

Silke Otto-Knapps Malerei schafft es, immaterielle Eindrücke von Licht, Luft und Düften zu vermitteln, die wesentlich zur Stadterfahrung von L.A. und Las Vegas beitragen und die auf diese Weise nicht durch die Filmindustrie abgedeckt werden können. Sie erzeugt trotz der dünnen malerischen Oberfläche eine Intensität, deren Bildkraft sich eindrücklich in der Erinnerung einprägt und auf die Wahrnehmung der Stadt zurückwirkt.

Until 
23.08.2003

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