Brennpunkt Lagerhalle Ost. Haus Bernsteiner

Entertainment Center Mies, 2003, Pappelholz, Lack, 200 x 400 x 140 cm, beide Fotos: Courtesy Gabriele Senn Galerie, Wien

Entertainment Center Mies, 2003, Pappelholz, Lack, 200 x 400 x 140 cm, beide Fotos: Courtesy Gabriele Senn Galerie, Wien

Die neue Linie (Ich war die Putzfrau am Bauhaus), 2004, Ausstellungsansicht

Die neue Linie (Ich war die Putzfrau am Bauhaus), 2004, Ausstellungsansicht

Fokus

«Unterhaltungsarchitektur» lautete der Titel einer kleinen Broschüre, die Marko Lulic 2001 herausgegeben hat, als eine Art monographische Lektüre zu seiner Methode der Aneignung und Transformierung urbaner Konditionen. Im Titel fand sich nicht nur das Verfahren widergespiegelt, mit unterschiedlichen Realitäten collagenartig zu verfahren, sondern vor allem ein ganz buchstäblicher Hinweis auf die Sache selbst: Was wir erwarten dürfen, ist ein Blick auf Architektur und Unterhaltung.

Brennpunkt Lagerhalle Ost. Haus Bernsteiner

Marko Lulic im Wiener Stadtteil Simmering

Die Wörtlichkeit von Titeln ist seither eine Spezialität des Wiener Künstlers Marko Lulic: «Verbesserte Partisanendenkmäler», «Organisiertes Dekor» oder «Modernity in YU». Mit der im März in der Wiener Galerie Gabriele Senn gezeigten Installation «Die neue Linie (Ich war die Putzfrau am Bauhaus)» hatte sich Lulic mehr einer programmatischen Titelgebung verschrieben, wobei er seiner ironischen «Linie» treu geblieben ist. Über den Umweg der Putzfrau, die überall Zugang hat, aber keine eigene Macht entfalten soll, befasste sich Lulic mit dem legendären Bauhaus und somit nach der «Moderne in Jugoslawien» mit einem weiteren Kapitel des europäischen Modernismus. Auch hier ging es um die zwiespältige Rolle von Denkmälern: Mies van der Rohe und Walter Gropius sind die Bauhaus-Heroen, deren Mahnmale von Lulic dekonstruiert und in einen andern Kontext verschoben wurden. Es sind unterschiedliche Geschichten und eine unterschiedliche Geschichte, die diese beiden Monumente voneinander trennt. Lulic macht mit seinen Arbeiten auf solche Brüche der historischen Fronten aufmerksam, die im Rückblick an uns vorbeizuziehen scheinen, wie saisonale Mode- und Designer-Defilees. Der Weg von der Geschichte zum Design ist dabei kein sehr langer: «Entertainmentcenter Mies» lautet denn auch der sarkastische Titel einer sperrigen Skulptur, die in Pappelholz mit einer polierten orangenen Fläche auf jene Unterhaltungsqualitäten hinweist, die ein schickes Designobjekt im Galerienkontext eben auch entfalten kann. «Treffpunkt Lagerhalle Ost» heisst nun Marko Lulics neue Ausstellung, die gemäss ihres Titels ebenfalls auf die tatsächlichen örtlichen Bedingungen Bezug nimmt: auf eine neu errichtete «Mehrzweckhalle» im Osten Wiens, die von einer privaten Betreiberfamilie interimistisch zur Veranstaltung von Kunstausstellungen genutzt wird.

Die Ausstellungsaktivitäten im «Haus Bernsteiner» im Wiener Stadtteil Simmering entstanden aus einer Initiative von Regina und Alois Bernsteiner, die 1997 begannen, Künstler zu fördern, indem sie diesen im eigenen, damals leer stehenden Wohnhaus Auftrittsflächen zur Verfügung stellten. Anfangs hatte das Ganze eher Fanclubcharakter, wobei das Pendeln zu den partyähnlichen Vernissagen immer auch mit einem Exkurs in Sachen Ortstopographie verbunden war, denn Simmering, und damit das Haus der Familie Bernsteiner, liegen an der äussersten östlichen Stadtgrenze. Der Titel der Ausstellung erinnert an sozialistische Jugendparolen aus den ehemaligen kommunistischen Ländern Europas und in Simmering sind wir diesen geographisch ja bereits ziemlich nah. Lulic entwarf verschiedene neue Objekte, die insofern einen andern Aspekt seiner Arbeit aufzeigen, als Gedächtniskultur nun nicht mehr zitiert wird, sondern direkt hergestellt. In einer Wandtextilarbeit «Hommage an Otti Berger» bezieht sich der Künstler auf die Bauhaus-Textilentwicklerin Otti Berger, die 1940 von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurde. Mit Selman Selmanagic erinnert er an einen Tischler aus Belgrad, der auf der Suche nach Arbeit zufällig im Bauhaus landete und später einer der wichtigsten Architekten der DDR wurde.

In einer neuen Verschränkung sind die Referenzpunkte in Lulics Objekten diesmal Bauhaus und Jugoslawien. Die chimärische Fassade der «Unterhaltungsarchitektur» tritt damit in den Vordergrund: Vom Entertainment-Center zur Holocaust-Industrie und wieder zurück, das sind nur verschiedene Aspekte ein- und derselben Geschichte.

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