Ann-Sofi Sidén im Kunstverein

Anne Sofi Sidén: Warte Mal!, 2000/2001, Videoinstallation

Anne Sofi Sidén: Warte Mal!, 2000/2001, Videoinstallation

Hinweis

Ann-Sofi Sidén im Kunstverein

«Warte Mal!» rufen die Mädchen den Autos hinterher, der erste deutsche Satz, den sie gelernt haben. Mancher hält an, manche steigt ein, an der E55, einer zweispurigen Landstrasse, die Deutschland und Tschechien verbindet. «Warte Mal!» ist der Titel einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein. Ann-Sofi Sidén beobachtete neun Monate lang mit der Videokamera den längsten Strassenstrich Europas entlang dessen sich Hunderte von Frauen aus allen Länder Osteuropas anbieten. Mit wackeliger Handkamera filmte sie die deutschen Limousinen, die Zuhälter und Prostituierten, Motelbesitzer, Freier, Freundinnen und die Polizei. Die Gesamtschau ergibt ein enges Panoptikum, jeder kennt irgendwo jeden, die Barfrau tratscht über die attraktive Rumänin, der Zuhälter erklärt, wo er die junge Frau aufgegabelt hat, alle treffen sich zur Party. Eine «regelrechte Stadt für sich», schreibt Robert Fleck im Katalog. Dass die Recherchen in Dubi, dem Nullpunkt des freien Handels und der offenen Grenzen, auch vom Voyeurismus zehren, ist nicht zu übersehen. Schon die schaufenstergrosse Aussenprojektion zur vierspurigen Innenstadt-Strasse ist eine erschreckende Entblössung: Eva, das Mädchen mit den Zahnlücken und Stelzbeinen, das der schwedischen Künstlerin zur Freundin wurde, Eva im Bikini am Badesee. Sie lacht, plantscht und redet, überlebensgross, fastnackt, im grau vergriesselten Winterwetter der Grossstadt. Ann-Sofi Sidén hat die vielen Stunden Videomaterial nicht geschnitten, sondern arrangiert. Dem Ausstellungssaal der «Brücke» hat sie Wände aus weissem Rigips und klarem Glas eingezogen ? aus dem Schlauch wurde ein Parcours mit wandfüllenden Projektionen, Vorführräumen und Videokabinen. Dunkle Gänge, halbverstellte Durchsichten und enge Sitzecken gliedern den Besuch in eine Abfolge von Begegnungen. In den engen Kabinen lässt sich nicht ausweichen, und man kann wählen, die Bilder der Monitore und Beamer verstecken sich nicht, alles ist verglast und die eigene Neugier wird in der durchsichtigen Architektur gemeinsam mit den Aufnahmen sichtbar. Mehr als ein attraktiver Effekt sind die vielfachen Spiegelungen. Im Widerschein an den vielen Ecken und Rändern der Architektur wirkt das Geschehen plötzlich fast illusorisch. Der nachtdunkle Parkplatz mit den unhörbar Verhandelnden gewinnt eine eigene, erschreckende Realität.

Until 
07.04.2004

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