Wer publiziert?

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Fine Bieler

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Irène Unholz

Wir publizieren, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto: Irène Unholz

Wer publiziert?

Bern — Collagiertes, Überladenes, Amateurhaftes, Vergilbtes und Hochglänzendes, vom ‹A-Bulletin› bis zur ‹Zytglogge Zytig›: Unter dem Titel ‹Wir publizieren› erstreckt sich im Untergeschoss der Kunsthalle eine Ausstellung des neuen Archivs für unabhängige Zeitschriften der Hochschule der Künste Bern. Inhalt, Machart und Design der zur Schau gestellten unabhängigen Publikationen, die von den Sechzigerjahren bis heute datieren, sind in ihrem Zusammenspiel gleichermassen explosiv. Das Blättern in dieser Ansammlung wirft vorerst aber mehr Fragen auf, als dabei beantwortet werden. Allen voran, auch hinblickend auf den aktuellen Medienkontext, in dem sich das Besitztum zunehmend konzentriert: Wer publiziert?

Während mit «unabhängig» auch das vorherrschende Ideal einer Redaktion, deren Verlag keinerlei inhaltlichen Einfluss auf sie ausübt, gemeint sein könnte, verstehen die an Archiv und Ausstellung Beteiligten darunter nämlich genau das Gegenteil: Unabhängigkeit durch durchweg eigenhändige Redaktion, Gestaltung, Produktion wie auch Distribution. Selbermachen statt Arbeitsteilung.

Eine ausführliche Anleitung zum Herstellen einer «Kleinzeitung» ist in einem Mitte der Siebzigerjahre erschienenen ‹Alternativkatalog› zu finden, der aufzeigen wollte: «Eine Zeitung machen kann jeder.» Gemacht von Jugendlichen, Bewegten, Kunst- und Designschaffenden, gab und gibt’s viele dieser Publikationen in einer geringen Auflage, wodurch sie in der gängigen (Massen-)Medienforschung durchs Raster fallen. Doch nicht nur ihre zusammenaddierte Masse, sondern vor allem ihre Kompromisslosigkeit macht sie zu nicht zu unterschätzenden, allemal beachtenswerten Mikroinstitutionen für spezifische Gruppen.

Darunter sind Blätter der bewegten Jugend aus den Achtzigerjahren wie ‹Stilett›, ‹Eisbrecher›, ‹Subito› und die weiterhin erscheinende ‹Fabrikzeitung›. Nebst ganz vielem anderen, das alles irgendwie links anmutet. Dabei sind die Kriterien für eine Aufnahme ins Archiv doch extra niederschwellig gehalten: Mehr als «unabhängig» und «seriell produziert» ist Lucie Kolb, Andreas Vogel und Robert Lzicar aus der vierzehnköpfigen Arbeitsgruppe ‹Wir publizieren› diesbezüglich nicht zu entlocken. Wertungen sollten durch die alphabetische und damit möglichst unhierarchische Anordnung vermieden werden. Es befänden sich immerhin auch zwei Fussball-Fanzines dazwischen. «Selbstbestimmtheit von A-Z» ist laut Andreas Vogel das wichtigste Charakteristikum von unabhängigen Zeitschriften. Wir unterhalten uns in der Ausstellung nach einer der Rahmenveranstaltungen, die sich ihrem eigentlichen Kernanliegen nähern: unterschiedlichen unabhängigen Publikationspraktiken, die ausgehend vom Archiv noch weiter erforscht werden. Denn durch die Ausstellung der Magazine allein können die jeweils dahinterstehenden Arbeitsweisen bestenfalls erahnt werden.

Dazu kommt, dass eine gewisse Undurchlässigkeit der in diesen Zeitschriften verwendeten Codes wiederum für das unabhängige Publizieren charakteristisch ist. Hier bestimmt wer publiziert nicht nur darüber wie publiziert wird, sondern ist gleichzeitig auch Teil dessen, für wen publiziert wird. Herstellung, Endprodukt und Rezeption sind ideologisch und personell untrennbar. Eine Heranführung an oder Übersetzung von szenespezifischen Sachverhalten für ein aussenstehendes «Publikum» kann dementsprechend als überflüssig angesehen werden (dies kann man der auf einem Recherchedesk aufliegenden Fachliteratur und der zur Ausstellung erschienenen HKB-Zeitung entnehmen).

Eine Alternative beruht per se auf Abgrenzung vom Nicht-Alternativen. Darin liegt ein Spannungsfeld zwischen der in diesen Magazinen eingenommenen Underdog-Position und gleichzeitig einem – selbstermächtigendem – elitären Bewusstsein. Damit kokettieren einige der neueren unabhängigen Publikationen, indem sie sich subversiv in Hochglanz kleiden… Während am Werbe- und Publikumsmarkt ausgerichtete Medienangebote sich einstweilen der DIY-Formensprache früherer Alternativen bedienen.

Offen bleibt jedoch die Frage, wer überhaupt die zeitlichen und ökonomischen Ressourcen zum unabhängigen Publizieren hat, das oft mit unbezahlter Arbeit einhergeht. «Welche Eigenschaften hat eine Alternative (ausser chronischen Geldproblemen) […]?» fragte schon der ‹Alternativkatalog›. Diese Eigenschaften bleiben noch weiter ausbuchzustabieren. Zum Zeitpunkt von Medienkrise und – vielleicht zu bequemer – Meinungsäusserung und Selbstdarstellung auf Plattformen im Besitz von Mark Zuckerberg erscheinen sie vielverheissend. Ihre Bandbreite wird freilich davon abhängig sein, welche weiteren Publikationen noch Eingang ins Archiv finden. So liegen beispielsweise die ‹WOZ›, die ‹Republik› oder diverse unabhängige Kunstzeitschriften aus im Bauchgefühl zwar nachvollziehbaren, aber von der Projektgruppe bisher nicht ausformulierten Kriterien nicht auf dem Tisch.

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