Ticket Pagoda, 2020

Florian Graf, Ticket Pagoda, 2020. Foto: Charlotte Aeb

Florian Graf, Ticket Pagoda, 2020. Foto: Charlotte Aeb

Florian Graf, Ticket Pagoda, 2020. Foto: Grégoire Montangero

Florian Graf, Ticket Pagoda, 2020. Foto: Grégoire Montangero

Ticket Pagoda, 2020

Public Art

Florian Graf’s neue Skulpturen um das Fussballstadion La Tulière in Lausanne 

Transformation ist ein wiederkehrendes Thema im Schaffen des Künstlers Florian Graf. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem architektonischen und sozialen Situationen und deren gegenseitiger Wechselwirkung. Den Kosmolit mit Basler Wurzeln interessiert insbesondere, wie wir uns im Leben einrichten und welche Wirkung Räume auf uns haben. Grafs Auseinandersetzung mit den emotionalen, intellektuellen und psychologischen Aspekten von Raum findet in verschiedenen Medien statt, die von Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien bis zu Interventionen und Aktionen im öffentlichen Raum reichen. 

2019 gewann Florian Graf den eingeladenen Kunst am Bau Wettbewerb für das neue Fussballstadion La Tuilière in Lausanne. Seine neu entstandenen Kunstwerke mit dem Titel „Ticket Pagoda“ resultieren aus einer originellen Idee: Der Wettbewerb forderte eine Verkleidung der drei um das Stadion aufgestellten Ticketcontainer. Anstatt ornamentale Applikationen anzubringen, entschied sich Graf mit den Containern an sich zu arbeiten: Er stapelte drei immer kleiner werdende Nachbildungen auf den ursprünglichen Container. So wurden aus den alltäglichen Verkaufscontainer ikonische Skulpturen.

Die Minicontainer sind detailgetreue Nachbildungen, bei denen die Türklinken, die Fensterrahmen oder die aufgeklappten Sonnenstoren proportional verkleinert sind. Durch diese Massstabsprünge vom Verkaufscontainer über die Grösse eines Kasperletheaters, Puppenhauses bis zum Miniaturmodell fühlt man sich wie bei Alice im Wunderland oder auf Gullivers Reisen. Betrachter werden angeregt, über das Mass der Dinge nachzudenken. Die Verkleinerungen spielen mit unserer Wahrnehmung von Entfernung.

Graf arbeitet mit einem Phänomen der Raumillusion, das seine Ursprünge in der Barockzeit hat. Die Galeria Spada in Rom zum Beispiel wirkt durch kleiner werdende Säulen viel länger, als sie es tatsächlich ist. In diesem Sinne scheint Graf’s Ticket Pagoda in die Höhe zu wachsen.

Diese Erfahrung der transzendentalen Architektur schafft den Bezug zu den Monumentalbauten der Fussballstadien. Für Florian Graf sind Stadien die Kathedralen von heute. In ihnen erfahren grosse Gemeinschaften fast heilige Gefühle der Zugehörigkeit, der Freude, der Leidenschaft und des Erhabenen. So erhebt sich Ticket Pagoda wie der Turmbau zu Babel vom profanen Leben auf der Erde in himmlische Höhen. In diesem Spannungsfeld zwischen Profanem und Sakralem lässt Graf’s Miniaturisierung die eher bescheidene Funktionsarchitektur monumental wirken. So thematisiert Graf’s Kunst auch den spielerischen Aspekt vom Fussballsport, in dem klare Regeln und spontane Gesten zusammen finden. So erhalten die eindrücklichen Skulpturen durch ihre Verdrehungen der einzelnen Segmente und deren nächtliches, inneres Lichtspiel eine dynamische Wendung und oszillieren zwischen Popkultur und Elfenbeinturm.

Ein weiteres für diese Arbeit relevantes kunsthistorisches Konzept ist die Mimesis (altgriech. Nachahmung). Die Nachahmung existierender Formen hat eine lange Tradition, die bis zu den griechischen Philosophen zurückreicht. Die Mimesis vermittelt zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Universalem und Spezifischen. Nach Aristoteles bereitet das Betrachten der Nachahmung ein lustvolles Erlebnis und steht im Gegensatz zur nüchternen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und genau auf diese Suche nach dem lustvollen Erlebnis macht sich der Künstler in Ticket Pagoda und bezieht sich auf sogenannte Follies, architektonische Skulpturen, die seit dem 18. Jahrhundert Parkanlagen um repräsentative Bauten schmücken. Diese Follies, auf deutsch Verrücktheiten, dienen der Kontemplation und der Unterhaltung. Es sind Florian Graf’s Kunstwerke, die hier in Lausanne den Rasen vor dem Fussballstation in neue Dimensionen verrücken und dem Fussballklub einen spielerischen Aufstieg wünschen.

Zitat Florian Graf:
“In meiner Kunst geht es immer wieder darum, wie wir wohnen und was wir in uns wohnen lassen. Wir errichten Gebäude für unsere Körper. Und gleichzeitig sind unsere Körper Gebäude oder Behälter für Gefühle und Gedanken. Wir erdenken uns Gebäude, in denen wir dann wohnen. Wir gewöhnen uns an das Gebaute. Und diese Gewohnheit wohnt unserem Denken und Handeln inne.“

Datierung 
2020
Objektmasse 
10 x 2.5 x 5.4 m
Material 

Fiberglas, Aluminium, Plexiglas, Leuchten

Standort 
Stade de la Tuilière
10 Route de Romanel
1018 Lausanne
Schweiz
Künstler/innen
Florian Graf

Werbung