Angela Marzullo — Die Kunst der Erziehung

Angela Marzullo, ‹Educating for Autonomy›, 10’, Videostill

Angela Marzullo, ‹Educating for Autonomy›, 10’, Videostill

Angela Marzullo, ‹Let’s Spit on Hegel›, 2015, 10’, Videostill

Angela Marzullo, ‹Let’s Spit on Hegel›, 2015, 10’, Videostill

Angela Marzullo — Die Kunst der Erziehung

Genf — Vor einem Jahr blickte das Centre de la photographie in der vielbeachteten Ausstellung ‹Feminist Energy Crisis› auf das Schaffen der Foto-, Video- und Performancekünstlerin Angela Marzullo (*1971, Zürich) zurück. Förmlich auf der eigenen Haut und in den eigenen Haaren spürte man den frischen Wind in den eher auf den radikalen Theorien und Praktiken ohne Tabus der Sechziger-, Siebzigerjahre denn auf der gender-Thematik der Neunzigerjahre fussenden Frauenpinkelperformances oder Geschlechterkampfcollagen. Es gab in dieser von so kritischen wie heiteren Neuinszenierungen älterer Werke, Recherchen und Reflexionen wie auch aktuellen Arbeiten – darunter einer täglichen Performance – lebenden Retrospektive jedoch eine grosse Lücke: Die Kurzfilme nämlich, die Angela Marzullo zwischen 2005 und 2015 unter dem Titel ‹Home Schooling› mit ihren heranwachsenden Töchtern Stella und Lucie als Schauspielerinnen und ihrem Mann als Mitregisseur drehte. Man konnte an der Kasse des Centre de la photographie nur die Szenarien erstehen, die 2016 von den Presses du Réel editiert worden waren.

Jetzt aber zeigt das vom Centre d’art contemporain betriebene Cinéma Dynamo im obersten Stock des gleichen Gebäudes vier der acht Filme für drei Wochen in einer Endlosschlaufe. Der erste Film ‹Taranta›, 2009, in dem die Mädchen den Mythos der Bisse der Tarantel heilenden Tarantella aus der Heimat des Vaters der Künstlerin nachspielen, ist eine szenische Metapher dafür, wie sehr wir nicht nur Musik und Tanz, sondern Kunst überhaupt brauchen, um nicht zu verkümmern. Danach wird es intellektueller: In ‹Concetta›, 2010, und in ‹Education for Autonomy›, 2015, werden zentrale Passagen der auf Selbstverantwortung setzenden Erziehungsideen von Pier Paolo Pasolini, Theodor Adorno und Helmut Bracker in zwar sanften, aber nichts von ihrem Ernst einbüssenden Dialogen zur Aufführung gebracht. Im letzten Film ‹Let’s Spit on Hegel›, 2005, lassen Stella und Lucie zwischen Zookäfigen die Ideen der Kritikerin und Feministin Carla Lonzi aufleben, die zum Schluss kam, dass die Frauen einen Abstand wahren sollten zu den männlichen Selbstzelebrationen speziell in der Kunstwelt. Auch wer mit der feministischen Losung «Das Private ist politisch» vertraut ist, fühlt sich in der besonderen Intimität zwischen Eltern und Kindern erst etwas fehl am Platz. Doch dann spürt man die liebevolle gegenseitige Aufmerksamkeit der Handelnden hinter und vor der Kamera. Durch den aus dem Herz einer Familie auf den Bildschirm gebrachten Widerstand gegen die umgekehrt ständig über Bildschirme mitten in unser Leben eindringenden Inhalte, die gerade in Bezug auf die Geschlechtidentität oft konservativ bis reaktionär sind, erscheint vor allem der Erfolg der dritten Welle der Frauenbewegung vor allem plötzlich fragil - als ewige (Erziehungs-)Aufgabe. 

Werbung