Darren Almond – Begreifbares und Sichtbares

Darren Almond, ‹The Swerve/The Light of Time›, Galerie Xippas, Genf (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

Darren Almond, ‹The Swerve/The Light of Time›, Galerie Xippas, Genf (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

Darren Almond, ‹The Swerve/The Light of Time›, Galerie Xippas, Genf (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

Darren Almond, ‹The Swerve/The Light of Time›, Galerie Xippas, Genf (Ausstellungsansicht). Foto: Annik Wetter

Darren Almond – Begreifbares und Sichtbares

Genf – Darren Almond (*1971) hat in den letzten zwanzig Jahren den von Charles Beaudelaire gefeierten «Flaneur» wiederbelebt. Statt einmal mehr die kurzlebigen, durch die Rastlosigkeit des modernen Menschen bedingten Veränderungen im Schein der grellen Lichter der Metropolen aufzuzeichnen, beschäftigte er sich jedoch mit ihrem erschütternden – verschmutzenden, aufheizenden – Ankommen in den entlegensten Winkeln der Erde. Von niemandem anderen als dem vorbeiziehenden Vollmond liess er dabei die bedrohte Gestalt dieser Landschaften auf Fotografien bannen, während einer Viertel- bis zu einer Halbstunde. Durch die feine, aber lange Belichtung tauchen Berge, Felsen, Steine und Sand, Bäume, Gletscher und Eisberge in schattenloser, aber oft in den unwahrscheinlichsten Zwischenfarben flimmernder Hoheit aus unscharfen Wassern, Nebeln und Wolken auf.

Der Mond, welcher uns so nah ist, dass zwischen 1969 und 1972 zwölf Menschen auf ihm landen konnten, ist Almond bei diesen Expeditionen ein Vertrauter geworden. Gleichzeitig begann ihn zu faszinieren und zu irritieren, dass man die Sterne zwar sinnlich innerhalb einer unendlich viel grösseren Ordnung wahrnehmen und empfinden kann, aber die Denkkraft versagt, sobald man sich die Distanzen zu ihnen und ihre Dimensionen vorzustellen versucht.

In der gegenwärtigen Ausstellung bei der Galerie Xippas in Genf, die von einigen älteren vor allem Schweizer Beispielen aus der Serie ‹Fullmoon› eine Brücke zu noch ganz frischen Gemälden schlägt, läuft alles auf diese der Intelligenz oft merkwürdig überlegene Sensualität und Intuition hinaus. In der Gemäldegruppe ‹The Swerve›(‹Das Clinamen›) spürt Almond mit Spritzpistole und Schablone über einer eingeschwärzten Aluminiumplatte der geringfügigen Abweichung der Atome von ihrer linearen Bahn nach, die Lukrez bereits im 1. Jh. v. Chr. aus schierer Meditation über die Natur erkannt und als Grund für ihr unvermitteltes Zusammenprallen und damit die Entstehung und das Vergehen aller Dinge vermutet hat. Kürzlich sind diese Spekulationen dabei durch die Entdeckung feinster Amplituden in der Gravitationskraft bestätigt worden, die nicht zuletzt zur Idee einer doppelten, statt einfachen Gestalt des Schwarzen Locks in der Mitte unseres Universums geführt haben. In der anderen Gemäldegruppe ‹The Light of Time›(‹Das Licht der Zeit›) hat er sich dem Phänomen der Himmelslichter angenähert, die wir nur als ferne Erinnerung wahrnehmen, nicht ohne in astronomisch einzigartigen Momenten manchmal ein Stern entstehen oder vergehen zu sehen! Auf denen einen Gemälden sind dabei einzig und allein Gruppen wie stets leicht aus der Reihe tanzender Ovale in hellen Tönen auf dem schwarzen Grund zu sehen, auf den anderen sogar je nur ein rot anschwellender, gelb glühender und blau abschwellender Schweif.  Viel künstlerische Erfahrung ist deshalb im Spiel, dass es Darren Almond gelingt, einem mit diesen wie in einer grossen Leere aufblitzenden malerischen Subtilitäten genauso wie mit seinen spektakulären Fotografien Momente zu eröffnen, in denen man nur noch dieses fabelhaft empfängliche und verstehende Auge ist, dem Bibliotheken voll von Messresultaten und Beweisführungen oft nur träge hinterherhumpeln.

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
The Swerve / The Light of Time 22.03.201805.05.2018 Ausstellung Genève
Suisse
CH
Künstler/innen
Darren Almond
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier

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