Samuli Blatter, Martin Chramosta — Beige Metal

Samuli Blatter / Martin Chramosta, Beige Metal, 2018, Ausstellungsansicht Alpineum Produzentengalerie, Luzern. Foto: Andri Stadler

Samuli Blatter / Martin Chramosta, Beige Metal, 2018, Ausstellungsansicht Alpineum Produzentengalerie, Luzern. Foto: Andri Stadler

Samuli Blatter / Martin Chramosta, Beige Metal, 2018, Ausstellungsansicht Alpineum Produzentengalerie, Luzern. Foto: Andri Stadler

Samuli Blatter / Martin Chramosta, Beige Metal, 2018, Ausstellungsansicht Alpineum Produzentengalerie, Luzern. Foto: Andri Stadler

Samuli Blatter, Martin Chramosta — Beige Metal

Luzern — ‹BEIGE METAL›: Das Beige von Gips, Wachs und Erde im plastisch-zeichnerischen Werk von Martin Chramosta (*1982) trifft auf das metallene Anthrazit von Samuli Blatters (*1986) Graphitzeichnungen. Diese titelgebende Beobachtung reicht jedoch weder aus, um die beiden künstlerischen Einzelpositionen zu fassen, noch vermag sie es, die Wechselbeziehungen zu charakterisieren, die sich zwischen den Werken entfalten. Dennoch vermittelt der Ausstellungstitel einen interessanten Hinweis: Er erinnert entfernt an die Grisaille-Malerei, eine Technik, bei der statt Farben ausschliesslich abgestufte Grautöne verwendet werden. Im 20. Jahrhundert zeigte Pablo Picasso mit ‹Guernica›, 1937, eine moderne Ausführung dieser Technik.

Bezeichnenderweise sind es figurative Versatzstücke sowie alptraumhafte Visionen von ‹Guernica›, die durch das Werk von Martin Chramosta mäandern. Besonders zwei verzweifelt gegen Himmel gestreckte, um Hilfe ringende Hände treten wiederholt in Erscheinung – sie erinnern an die Figur im rechten Flügel von ‹Guernica›, auf welchem Picasso die Apokalypse im Angesicht des modernen Krieges verbildlichte. Chramosta zeigt ein Dutzend Reliefs aus Gips oder Wachs, ein an Ketten von der Decke hängendes Medaillon sowie drei auf einem Stahlgestell präsentierte Reliefs, die einem Altar ähneln. Die manisch-gestischen Kompositionen hat er erst in Ton «gezeichnet» und anschliessend mit Gips ausgegossen. Chramostas Werk bewegt sich damit an der Schnittstelle von Zeichnung und Plastik. Neben dem Kubismus klingen auch weitere Stilrichtungen nach. So fühlt man sich neben Picasso gelegentlich an die verspielte Formensprache eines Paul Klee erinnert. Chramosta arbeitet gezielt mit Zitaten, mit Bildkristallen, die Bewusstseinsformen der Avantgarde aufscheinen lassen. Während die Avantgarde das Archaische, Mythische oder Sakrale wiederentdeckte, betreibt Chramosta aus der Rückschau eine Archäologie der Avantgarde, in der er unterschiedlichste Zeit- und Bedeutungsebenen verwertet und miteinander verkettet.

Chramostas Arbeiten gehen mit jenen von Samuli Blatter eine dialogische Beziehung ein. Korrespondenzen ergeben sich zwischen den antagonistischen Elementen Struktur und Chaos, die für beide künstlerischen Zugänge bezeichnend sind. Gerade bei Blatter drängt ein zeichenhaftes Denken zur Materialisierung. Aus ungestüm wirkenden Bewegungen, aber auch sinnlich geschwungenen Linien entstehen verdichtete Kompositionen, die an unbekannte Schriftzeichen oder arabische Kalligrafie erinnern. Der Graphit ist in solcher Dichte aufgetragen, dass sich aus einem seitlichen Blickwinkel eine reliefartige Oberflächenstruktur ergibt. Wie in früheren Ausstellungen präsentiert Blatter seine Papierarbeiten in geschichteter Optik: einem seriell anmutenden Schema folgend, überlappen sich grosse Zeichnungen mit kleineren, teils gerahmten Arbeiten. Wo die Zeichnungen aufeinandertreffen, kollidieren die unterschiedlichen Strukturen und erzeugen neue Muster in Erscheinung und Deutung. Blatter entwirft jedoch keine entzifferbare Schrift. Es bleibt bei einer stückhaft-visuellen Annäherung an vermeintlich vertraute Zeichensysteme. So ist es auch das Fragmentarische, das Chramostra und Blatter gemein ist. Nicht nur in dieser Hinsicht erfahren die beiden Positionen in ihrer Gegenüberstellung eine Steigerung und Potenzierung. Es sind die vielzählig anklingenden Bezüge und Strukturen, die unter den beige-metallenen Oberflächen wuchern und in Psychogrammen zu Tage treten, die der Ausstellung ihren ganz eigenen Charakter verleihen.

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