Supermarkt der Bilder

Martha Rosler · Cargo Cult, 1966–1972, aus der Serie ‹Body Beautiful, or Beauty Knows No Pain›, Courtesy Galerie Nagel Draxler Berlin

Martha Rosler · Cargo Cult, 1966–1972, aus der Serie ‹Body Beautiful, or Beauty Knows No Pain›, Courtesy Galerie Nagel Draxler Berlin

Jeff Guess, Adressability, 2011, Fotografie

Jeff Guess, Adressability, 2011, Fotografie

Supermarkt der Bilder

Paris — Drei Milliarden Bilder werden täglich in Umlauf gebracht – in etwa so viele Menschen sind aktuell zuhause festgesetzt. Die anschwellende Zirkulation entspreche, so Peter Szendy, einer «Ikonomie». Der Philosoph zeigt im Essay ‹Le supermarché du visible›, dass Bild und Kapital verwachsen sind wie Porträtprägung und Münze. Die von Szendy, Emmanuel Alloa und Marta Ponsa kuratierte Ausstellung ‹Le supermarché des images› im Jeu de Paume illustriert das in all seinen Konsequenzen. Jetzt ist das Museum zu. Im Katalog wird an Guy Debord erinnert, der in Bildern die «Ökonomisierung aller Beziehungen» sah. Zusammenleben als entfernte, formale Abstraktionen – jetzt, da weltweit soziale Beziehungen als ­lachende, weinende, ängstliche Gesichter hinter Smartphone-Scheiben kondensieren, scheinen Bilder unersetzlich. Der Co-Kurator reagiert per Telefon aus Lausanne: «Sicherlich befördert die Situation den Bilder-Dauerkonsum, wie ihn das Pariser Kollektiv disnovation.org mit ‹The Pirate Cinema› zeigt.» Die Echtzeitdarstellung des schnellen Herunterladens (über Bittorrent) der am meisten illegal geteilten Filme erscheint als fragmentiertes Bildergehäcksel. Mit Werken wie diesen solle die Ausstellung ökonomische, ideologische Strukturen von Bilderkonsum aufzeigen, auf Widerstandsformen aufmerksam machen. Bilder werden zu Spielmasse, «wie aktuell die vielen Parodien und ironischen Memes zu COVID-19». Gleichwohl sind Distanztechnologien per se auf Vereinzelung und Abstand ausgerichtet. «Ich halte nichts davon, Ängste zu schüren, dass Maschinen jeden Kontakt unter Menschenwesen ersetzen, wie es Giorgio Agamben gerade in der NZZ formulierte», erwidert Alloa, «auch Pixel haben eine haptische Qualität.» Besonders nachvollziehbar werde das mit ‹Disruptions› des im Gazastreifen geborenen Künstlers Taysir Batniji. 36 Whatsapp-Screenshots mit seiner eingeschlossenen Familie. Die verpixelten Bilder erzeugen Nähe, Berührung. «Diese Arbeit erzählt von Kontingenz, von durch technische Schwankungen produziertem Unvorhersehbarem, öffnet Breschen dort, wo uns bald nur noch Bilder erreichen, die wir ohnehin sehen wollen. In der Entfernung durch das Bild – im doppelten Sinn des Abstands und der Aufhebung von Ferne – liegt eine Erfahrung der Co-Exponiertheit, eine geteilte Verletzlichkeit, die dazu auffordert, neue Formen des Austauschs, der Begegnung zu finden.» So könnte das reale Virus wie ein digitales die visuelle Matrix aufreissen, um die Vorstellungskraft für andere Welten zu öffnen.

www.jeudepaume.org
auf der Website Interviews mit Kuratoren und KünstlerInnen, Kat. E oder F

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The Supermarket of Images 11.02.202007.06.2020 Ausstellung Paris
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