Zeitbilder — ‹Monica›, von Margot Bergman

Margot Bergman (*1934), Monica, 2018, Acryl auf Leinwand, 102 x 86 cm, Museum Langmatt, Baden

Margot Bergman (*1934), Monica, 2018, Acryl auf Leinwand, 102 x 86 cm, Museum Langmatt, Baden

Zeitbilder — ‹Monica›, von Margot Bergman

Unter dem Titel ‹Zeitbilder› präsentieren wir Werkbetrachtungen von Kuratorinnen und Kuratoren, die ein Kunstwerk ihrer Wahl vor dem Hintergrund der Corona-Krise neu lesen.

Curator’s Choice — Was, wenn das Alter plötzlich kommt? Da sitze ich einsam am Küchentisch. Einsam? Nein, mein Alter sitzt mir gegenüber und schaut mich mit traurigen Augen fragend an. Was nun? Wegschicken geht nicht, wenn es schon mal da ist, will es gerne bleiben. 

In einem stillen Moment schleiche ich ins Bad, schau mich im Spiegel zaghaft an. Was ich sehen muss, sind die Zumutungen des Alters. Aufgedunsenes Gesicht, Kinn aus der Fassung, Nase verwischt, Lippen aufgebläht, selbst die Halskette keine Zierde mehr. Schlimmer noch hat es die Augen erwischt: Das eine starrt mich sperrangelweit aufgerissen an, das andere scheint ausgelaufen, Stöpsel gezogen und weg. Immerhin die Frisur: Auf sie scheint Verlass. Die Silhouette stimmt, nach Details wollen wir nicht fragen. Soweit der physische Bestand. 

Doch mit zeitlichem Abstand von Jahren, Jahrzehnten muss ich nüchtern konstatieren, dass mich noch etwas anderes verwüstete: der männliche Blick. Von Kindheit an hat er mich mein Leben lang zu meinem äusseren Bild genötigt. Bin ich das überhaupt? Und wenn ich es nicht bin, wer ist es dann? Die Projektion meines Mannes, eines Mannes, vieler Männer, aller Männer?

Das Alter ist immerhin sichtbar, aber wenn das Virus kommt, kommt es unbemerkt. Was dann? Wegschicken geht nicht, wenn es schon mal da ist, will es gerne bleiben. Was sind dagegen die Zumutungen des Alters?

Margot, please stay healthy!

Künstler/innen
Margot Bergman
Autor/innen
Markus Stegmann

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