Zwischen Anspielung und Ansage — zwei Versuche, Geschichte neu zu wenden

Than Hussein Clark, A Little Night Music (and reversals), 2020, Ausstellungsansicht, Centre d’Art Contemporain Occitanie, Sète. Courtesy Crèvecœur. Paris. Foto: Aurélien Mole

Than Hussein Clark, A Little Night Music (and reversals), 2020, Ausstellungsansicht, Centre d’Art Contemporain Occitanie, Sète. Courtesy Crèvecœur. Paris. Foto: Aurélien Mole

Khalil Nemmaoui, Ohne Titel, 2018, UV-Abzug auf Plexiglas, Courtesy des Mines Galerie und Musée régional d’art contemporain (MRAC), Sérignan

Khalil Nemmaoui, Ohne Titel, 2018, UV-Abzug auf Plexiglas, Courtesy des Mines Galerie und Musée régional d’art contemporain (MRAC), Sérignan

Zwischen Anspielung und Ansage — zwei Versuche, Geschichte neu zu wenden

Sète / Sérignan — Wer sich aus beruflichen Gründen derzeit in den Süden Frankreichs traut, profitiert von einigermassen leeren Stränden – und von Privat-Visiten der Kunst. Zwar bleiben trotz lautem Protest namhafter Akteur/innen des Kunstfeldes Ausstellungsorte weiterhin für Publikum geschlossen, während sich die Konsument/innen in den Innenstädten durch die Boutiquen schieben. Doch auf Anmeldung sind «professionelle» Ausstellungsbesuche möglich. Das regionale Kunstzentrum in Sète empfängt mit ‹Reverse Universe›: Kuratorin Marie Brugerolle hat das höchst erstaunliche ästhetische Wirken des 1949 geborenen italienischen Designers Luigi Serafini der nicht weniger dramatisch inszenierten installativen Ausstellung ‹A Little Night Music (And Reversals)› des 40-jährigen Engländers Than Hussein Clark zur Seite gestellt. Clark, der als Szenograf, Poet, Schauspieler ein umfangreiches Form-Repertoire gekonnt zu aktivieren versteht, verknüpft Sète mit Tanger, der mythischen Stadt der Beatniks an der Europa zugewandten Spitze von Marokko. Fotos, Tagebucheinträge, Dokumente erzählen eine Reise ans andere Ende der Nacht. Dort, wo Geister spuken. Mit teils grossem materiellen Aufwand setzt Clark anspielungsreich die Untergewebe marokkanischer Geschichte in Szene. Immer bedrückender treten die kolonialen Verstrickungen der Beat-Generation zutage, gipfeln in einem Foto, das den Dichter Paul Bowles inmitten einer Schar junger arabischer Männer zeigt – billige Toy-Boys für den weissen Mann, der in der Kolonie seine Homosexualität auslebt. So beklemmend diese Hinweise, so undeutlich Clarks Haltung dazu. Was in Sète zu allusorisch ist, gerät in Sérignan zu explizit. Mit ‹Distance ardente› derzeit auch per Dronen-Flug zu erkunden, hat der marokkanische Kurator Hicham Daoudi im Rahmen der frankreichweiten «Saison Africa» im MRAC elf afrikanische Künstler/innen versammelt um «die nationale Geschichtsschreibung Frankreichs zu korrigieren». Derart orientiert werden die Kunstwerke benutzt: illustrierend mit Portraits als Beleg eines Marokko betreffenden «brain drain» von Khalil Nemmaoui, nahezu propagandistisch mit Gemälden der zwischen den USA und Marokko lebenden Mariam Abouzid Souali. Die recht banale Botschaft: gemeinsame Zukunft erwächst aus der Annahme der Verletzungen einer gemeinsamen Geschichte. So begrüssenswert der Einsatz, so bedauernswert die Verwendung. Mit Kunst Haltung einnehmen, verlangt Vertrauen in die Vieldeutigkeit der Form. Mit ihr Bewusstsein bilden heisst, ihrem diversifizierendem Erkenntnispotenzial freies Spiel zu lassen. JES 

‹A Little Night Music (And Reversals)›, Centre régional d’art contemporain (CRAC), Sète, bis 24.5. http://crac.laregion.fr/3731-a-little-night-music-and-reversals-.htm
‹Distance ardente›, Musée régional d’art contemporain (MRAC), Sérignan, bis 9.5. https://www.cnap.fr/distance-ardente

 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Distance ardente (Mariam Abouzid Souali, Mustapha Akrim, Diadji Diop u.v.a.) 19.05.202119.09.2021 Ausstellung Sérignan
Frankreich
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Than Hussein Clark, Luigi Serafini 10.10.202005.09.2021 Ausstellung Sète
Frankreich
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