Franziska Baetcke Facon

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Franziska Baetcke Facon

Eidgenössischer Preis für Kunst- und Architekturvermittlung

1968: Geboren in Basel
Lebt und arbeitet in Basel
1987-1995: Studium der Kunstgeschichte, der deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie, Universität Basel und Berlin
Seit 1996: In verschiedenen Funktionen tätig, mehrheitlich als Fachredaktorin für bildende Kunst beim Schweizer Radio DRS. Daneben zahlreiche Verpflichtungen als Moderatorin von Podien, als Jurymitglied etc.
Seit 2006: Lehrbeauftragte am Zentrum für Gender Studies, Universität Basel

KANN MAN AM RADIO ÜBERHAUPT BILDENDE KUNST VERMITTELN?
DA SIEHT MAN DOCH GAR NICHTS.

Tatsächlich ist es nicht ganz ohne, in einem Medium, das ganz ohne Abbildungen auskommt, über eine Kunst zu sprechen, die sich in erster Linie visuell erschliesst. Bilder, Skulpturen, Farben, Oberflächen, die ganze opulente optische Sinnlichkeit. Radio ist dagegen nur ein schmaler Ton. Ein dünnes Signal im Äther. Eigentlich nur Luft. Die Bilder, die es bestenfalls erzeugt, entstehen ausschliesslich im Kopf des Zuhörers. Ob diese Bilder im Kopf des Zuhörers jedoch etwas mit den Bildern, die die Radiojournalistin beschreibt, zu tun haben, steht in den Sternen.
Wer am Radio über Kunst spricht, riskiert, permanent missverstanden zu werden. Bei Bildern, die klein und blau oder gross und rot sind, geht das ja noch, weil wir alle in unserem Leben schon viele Tafelbilder gesehen haben und so etwas wie eine kollektive Vorstellung davon, was ein Tafelbild ist, existiert.
Wirklich verwirrend wird es bei neueren Kunstformen wie Video und Installation. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Sinneseindrücke in solchen Werken ist nicht nur am Radio sondern überhaupt schwierig zu vermitteln. Womit anfangen und was hinten anstellen, damit es einem nicht die Zunge überschlägt und die Synapsen der Zuhörerinnen nicht zu rauchen anfangen?
Auch nach zwölf Radiojahren habe ich auf diese Fragen keine abschliessenden Antworten. Manchmal muss man das ganze fachlich korrekte und um Nachvollziehbarkeit bemühte Vokabular über Bord werfen und stattdessen von den eigenen Gefühlen reden, von Erinnerungen und Assoziationen, von Dingen, die so flüchtig sind wie das Medium, in dem man sie zu transportieren versucht. In der Hoffnung, dass die Eindrücke ankommen. Nicht nur als schmales Signal aus der Tiefe des unendlichen Rauschens, sondern als der Versuch, eine sinnliche Erfahrung in eine andere sinnliche Erfahrung zu übersetzen. Damit aus den Worten wieder Bilder entstehen. Bilder in Ihrem Kopf.
So gesehen ist Kunstkritik am Radio einerseits ein indiskretes Geschäft, weil sie sich in die Vorstellungskraft der Zuhörer einmischt. Andererseits kann sich die Radiojournalistin nie ganz sicher sein, ob die Bilder in den Köpfen ihrer Hörer das Werk ihrer Worte sind - oder ob sie vielleicht nicht immer schon dort waren?
Deshalb: Kann man am Radio überhaupt bildende Kunst vermitteln? Da sieht man doch gar nichts.
Am besten testen Sie es selbst!

PUBLIKATIONEN (AUSWAHL)
Regelmässig zu hören in «Reflexe», «DRS2aktuell», «Echo der Zeit» und «Rendezvous am Mittag» auf DRS 1 und DRS 2

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