Lilian Pfaff

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Lilian Pfaff

Eidgenössischer Preis für Kunst- und Architekturvermittlung

1971: Geboren in Lindau/Deutschland Lebt und arbeitet in Basel und Zürich
1992-1998: Studium der Kunstgeschichte und Geschichte, Universitäten Hamburg und Basel
1998-2000: Nachdiplomstudium «Geschichte und Theorie der Architektur», ETH Zürich
1999-2000: Künstlerische Leitung der Internationalen Austausch Ateliers Region Basel (IAAB) der Christoph Merian Stiftung
1999-2002: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Architekturmuseum Basel
2001-2002: Wissenschaftliche Mitarbeit am Forschungsprojekt «Public Plaiv. Kunst im öffentlichen Raum» des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich und der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
2003: Mitarbeit im Architekturbüro Herzog & de Meuron, Basel
Seit 2003: Chefredaktorin von tec21 - Fachzeitschrift für Architektur, Ingenieurwesen und Umwelt, Zürich


BEKLAGEN DER FEHLENDEN ARCHITEKTURKRITIK

Öffentliches Streiten über Architektur ist selten geworden. Schon in den 1960er Jahren beklagte Redaktor Hans Marti in der SBZ: «ein jeder baut nach seinem Sinn, denn keiner kommt und zahlt für ihn.»1 Was ist Architekturkritik und was kann sie heute noch leisten? Architekturkritik im eigentlichen Verständnis des «Kritisierens» als einer Prüfung anhand von bestimmten Massstäben ist notwendig, sie zu formulieren ist jedoch im pluralistischen Zeitalter schwieriger geworden. Formale Kriterien reichen ebenso wenig aus wie eine vermeintliche Ästhetik. Das Gebäude im historischen wie urbanen Kontext ist teilweise Gegen stand der Architekturbetrachtung. Was jedoch meist gänzlich fehlt, ist die Beurteilung der Benutzung und der Wirkung des Gebäudes auf die darin arbeitenden oder wohnenden Menschen. Wohl nicht nur deswegen wird Architekturkritik oft als elitär verstanden. Neben der Intention des Architekten, den Baugesetzen und den Vorgaben des Auftraggebers ist die Zusammenarbeit der verschiedenen beteiligten Planer, Ingenieure, Landschaftsarchitekten, Architekten, Haustechniker etc. ebenso wichtig für die Gestaltung eines Bauwerks. Schon alleine wegen des komplexen Bauprozesses muss die Architekturkritik breit und umfassend angelegt sein. Vom Kritiker selbst wird eine aufklärerische Arbeit erwartet, gleichzeitig wird er aber auch zur Definitionsmacht und zum Wegbereiter der Baugeschichtsschreibung. Wie heikel dies sein kann, beschreibt ebenfalls Hans Marti: «(?) kaum zeigt sich eine zartes Pflänzchen [junger Architekturkritiker, Anm. d. Autorin], so wird es umgehackt, weil schreiben gefährlich ist, weil sich in der wogenden Freiheit eine gültige Meinung bilden könnte, die plötzlich sehr hinderlich werden könnte.» Da jedes Schreiben ein Schreiben aus der eigenen Perspektive ist, eine objektive Auseinandersetzung damit gar nicht möglich ist, ist eine differenzierte Beurteilung umso wichtiger. Die Meinungsmache, das «Daumen-raufoder- runter», ob also ein Bauwerk gut oder schlecht sei, wird obsolet. Kann es deswegen nicht sogar sein, dass das landläufige Beklagen einer fehlenden Architekturkritik auch eine Angst vor dem Verlust der eigenen Rolle des Schreiberlings ist? Deshalb muss von einer autonomen und autoritären Rolle des Kritikers Abstand genommen werden. Vielmehr ist seine Aufgabe diejenige eines Mediators, der die Architekten und die Architektur zum Sprechen bringt und aus der Flut der Bauten die interessantesten und kontroversesten, nicht immer nur die neuesten auswählt, um - wie es Le Corbusier 1922 formulierte - «Augen, die nicht sehen, zu öffnen» und Unsichtbares, im Stadtraum oder der Erinnerung Verschwindendes wieder lesbar zu machen. Vermittlung also anstelle von Kritik, als eine schreibende Annäherung an Gebautes. Ulrich Conrads benannte ganz pragmatisch die sieben Tugenden des Architekturkritikers: die Besichtigung des Gebäudes an Ort und Stelle, das Vermitteln der wesentlichsten Grundrisse, Ansichten und Schnitte in einem lesbaren Massstab, die Verfolgung und Entwicklung eines Bauwerks, die Darstellung der Geschichte des Ortes und der Vergleichsbauten und letztlich die Beschreibung des Bauwerks in verständlicher Sprache, mit einem Wort: Im wahren Architekturkritiker steckt insgeheim ein Pädagoge in Angewandter Politik.2 LILIAN PFAFF

1Hans Marti: Fehlende Architekturkritik, in: Schweizerische Bauzeitung, 80. Jg., Heft 23
2Ulrich Conrads: Ein Schlusswort als Prolog, in: Eduard Führ (Hrsg.): Zur Sprache bringen. Kritik der Architekturkritik, Münster 2003
(TEXT ERSTMALS IN LEICHT VERÄNDERTER FORM ABGEDRUCKT IN: TEC21 - SONDERHEFT 130 JAHRE, 2004, S. 34-37)

PUBLIKATIONEN
2000: Zwischenräume - Architekturen für die Kunst. Hg.: Kunstmuseum Liechtenstein, Basel (mit Christiane Meyer-Stoll)
2002: Public Plaiv - Gegenwartskunst im Landschafts- und Siedlungsraum La Plaiv. Hg.: Christoph Schenker, Zürich
2003: Prada Aoyama Tokyo. Herzog & de Meuron. Hg.: Fondazione Prada, Mailand
2004: Bundesplatz. Neugestaltung des Bundesplatz in Bern 2004. Platz als Platz. Interview mit Christian Stauffenegger und Ruedi Stutz, Bern 2006: Architecture becomes Art becomes Architecture: Vito Acconci and Kenny Schachter, Wien/New York

Artisti
Lilian Pfaff

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