Hinter dem Set, aber vor der Bühne

10104 Angelo View Drive, 2004, 16-mm, 6:50 min, Farbe, ohne Ton, Filmstill

10104 Angelo View Drive, 2004, 16-mm, 6:50 min, Farbe, ohne Ton, Filmstill

10104 Angelo View Drive, 2004, Produktionsstill

10104 Angelo View Drive, 2004, Produktionsstill

Fokus

Südkalifornien war in den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts Produktionsstätte von einigen der bekanntesten und wichtigsten modernistischen Wohnbauten. Der nachfolgende Diskurs um moderne Architektur entwickelte sich besonders in Los Angeles durch die dort angesiedelte Filmindustrie unter anderem in der Auseinandersetzung mit dem kommerziellen Hollywood-Kino. Die Verschränkung von Film und modernistischer Parade-Architektur bildet denn auch den Ausgangspunkt für die neue Arbeit «10104 Angelo View Drive» der in Wien und Los Angeles lebenden Künstlerin Dorit Margreiter.

Hinter dem Set, aber vor der Bühne

Dorit Margreiters filmische Erzählungen

Die «Sheats/Goldstein residence» - benannt nach dem früheren und dem jetzigen Besitzer - des us-amerikanischen Architekten John Lautner (1911?1994) trägt die Adresse 10104 Angelo View Drive in Beverly Hills und gilt als spätmodernistische Architekturikone. Als klassische Privatvilla konzipiert, repräsentiert das «Sheats/Goldstein»-Haus nicht nur den amerikanischen Mittelklasse-Traum vom ultramodernen L.A.-Lifestyle, sondern steckt auch voller architektonischer Besonderheiten. So lassen sich per Knopfdruck ganze Dächer verschieben, Fensterfronten öffnen oder eine Jacusiwannen-Abdeckung wegfahren. Mit diesen elaborierten mechanistischen Eigenschaften eignet sich das «Sheats/Goldstein»-Haus perfekt zur Symbolisierung von Allmachts- und Herrschaftsfantasien, mit denen das populäre Mainstream-Kino gerne operiert: Die Weltherrschaft per Fernsteuerung zu erlangen, ist ein beliebter Topos von Fantasy- und Actionfilmen. Nichts verdeutlicht deren Ideen besser als ein weiteres markantes Detail des Baus, ein im Boden versenkter, ausfahrbarer Fernseher, der plötzlich auftaucht - und der aus heutiger Sicht nicht der Komik entbehrt. Hollywood hat dieses Haus denn auch früh schon als Kulisse für diverse Filme entdeckt, in jüngerer Zeit wurden hier Produktionen wie «Charlies Angels 2» oder «The Big Lebowski» der Coen-Brüder gedreht. John Lautner, der Architekt, der in seiner Anfangszeit im Büro von Frank Lloyd Wright gearbeitet hat, baute das Haus 1963 für die Familie Sheats, die es nur wenige Jahre lang bewohnte, um es dann an den exzentrischen Immobilienmakler James Goldstein weiterzuverkaufen, der es auch heute noch besitzt und fallweise für Filmaufnahmen zur Verfügung stellt.

Die vielleicht merkwürdigste Eigenschaft, die sicherlich dazu beigetragen hat, dass dieses Wohnhaus als Inkunabel postmoderner Architektur apostrophiert wird: Das Gebäude stellt im Prinzip die Umkehrung üblicher architektonischer Verhältnisse dar. Denn während an sich mobile Einrichtungsgegenstände wie Sofa, Küchentisch, Bett oder eben Fernseher mit Betonsockeln fix im Gebäude verankert bleiben, sind Decken, Fenster oder Fussbodenteile flexibel und verschiebbar. Eine Handvoll Möbelstücke (hier Immobilien, nicht Mobilien), um die herum ein bewegliches Haus gebaut wurde.

Filmerzählungen in der Schwebe   Diese Architektur nun bildet das szenographische Set für Dorit Margreiters neue Installation, die im Museum Moderner Kunst in Wien erstmals präsentiert wird. Grundlage der Arbeit ist ein 16-mm-Film, den Margreiter im Goldstein-Haus gedreht hat und der formal dessen flexible und mobile Architektur dokumentiert. So verfolgt man einen Tagesablauf mit frühmorgendlichem Blick aus dem sich automatisch öffnenden Fenster über diverse Innenansichten einer offensichtlich nicht zum Kochen benützten Küche oder einer Wohnlandschaft bis zum abendlichen Ausfahren des Fernsehers und zu einem letzten repräsentativen Blick über den Swimming-Pool auf die Nachtlichter von LA. In diese fast klassische Dokumentation, die allerdings auf charakteristische Totalen weitgehend verzichtet, werden kurze, nur wenige Sekunden lange Szenen geschnitten, die in ihrer Fremdheit im gemächlichen Bildfluss aufpoppen wie Kaugummiblasen. Diese Einstellungen stammen von Performances der kalifornischen Künstlerinnengruppe «Toxic Titties», die dieselben Räume quasi als einmaliges Bühnenset für kurze narrative Szenen verwendete, in denen (post-)feministische, institutionskritische oder patriarchale Inhalte nachgespielt oder ironisierend überhöht wurden. So stellt sich der Bezug zum Hollywood-Kino einerseits über das Material Film her, andererseits werden mit den Performances auch Momente der Filmgeschichte zitiert. Auffallend bleibt, dass sich die Filmerzählung bewusst in der Schwebe hält und man im Unklaren darüber belassen wird, ob sich die Szenen nun auf einem konstruierten Set oder in einer realistischen Architektur abspielen. Dieser Bruch mit
traditionellen filmischen Erzählweisen zum einen, aber auch die Verbindung von Dokumentation und Fiktion zum anderen, ziehen sich durch Margreiters bisherige Arbeiten und widerspiegeln auch ihrem Interesse daran, Mechanismen künstlerischer Produktionen transparent zu machen. Wie die Künstlerin in einem Interview mit Rike Frank erklärte, beschäftigten sie vor allem jene Filme, die den «Prozess des Filmemachens selbst mit einbeziehen».

Inbesitznahme bürgerlicher Räume   Der grosse Stellenwert von Reflexion und referenziellen Systemen, die auch Persönliches oder autobiografisch motivierte Themen miteinschliessen können, kommt in Margreiters Ausarbeitungen der Installationen noch einmal besonders deutlich zur Anschauung. So wird in der Wahl des installativen Settings der reflexive Rahmen für das Publikum bereitgestellt, oft als bühnenartiges Display, das die reale Bewegung durch einen Installationsraum ermöglicht. Die Frage nach der adäquaten Verwendung von Medien ? wie beispielsweise, welche Medien geeignet seien, um Architektur darzustellen ? spielt darin eine zentrale Rolle: «Bereits in früheren Arbeiten ging es darum, einen Diskursbereich zu verwenden, um einen anderen zu beschreiben.» (Margreiter) Diese Verlagerung von einem Medium in ein anderes zeigt sich unter anderem in der Arbeit «Short Hills», 1999, als Gegenüberstellung von Architektur und Fernsehen, um über Migration und Ortswechsel zu sprechen.

In «Everyday Life», 2001, einer mehrteiligen Video-Installation, beschäftigte sich Margreiter mit der Untersuchung des «Alltäglichen» in Hinblick auf die existenziellen Bedingungen, wie sie das 20. Jahrhundert geschaffen hat. Auch hier ging es um die Verschachtelung verschiedener (abstrakter und realer) Modelle der Architektur der Moderne und deren sozialen und ideologischen Implikationen. Konkret interviewte die Künstlerin mehrere Personen, die in Beziehung zum «Case Study House Program» standen ? insbesondere aber zum Haus Nummer 22, das als Teil dieses avancierten modernistischen Bauprogramms realisiert wurde: die Besitzerin Carlotta Stahl, den Architekturfotografen Julius Shulman sowie den Architekten Pierre Koenig. Wenn hier der dokumentarische Aspekt zum «Case Study House # 22» im Vordergrund stand, so folgt die neue Arbeit «10104 Angelo View Drive» einer anderen Logik, indem der Besitzer selbst gar nicht mehr zu Wort kommt, was im Film auch den dargestellten architektonischen Verhältnissen im Sinne einer nicht lokalisierbaren Machtinstanz (wer bedient eigentlich die Fernsteuerung?) entspricht. Demgegenüber entstehen mit den dazwischen geschnittenen Performanceauftritten eindrückliche utopistische Momente durch die Inbeschlagnahme eines bürgerlichen Refugiums.

Verschwindende Zeichen kollektiver Identität   Zwei weitere neue Arbeiten von Dorit Margreiter, die diesen Herbst Premiere haben, befassen sich ebenfalls mit dem Medium Film als Ausgangspunkt filmhistorischer oder wahrnehmungstechnischer Überlegungen. In Liverpool und für die dortige Biennale entstand eine zweiteilige Film- bzw. Videoinstallation als Hommage an die Rolle Liverpools
als Filmstadt, in der ein Pionier der Filmgeschichte, der «Erfinder» der bewegten Kamerafahrten, Alexandre Promio, im Zentrum steht. In der Ausstellung «Balkan Urbanismus ? Die Zukunft ist nicht, was sie einmal war» der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig zeigt Margreiter die Rekonstruktion eines Leucht-Schriftzuges, der samt dem Leipziger Gebäudekomplex, an dem er angebracht war, nun vor dem Abriss steht. Ein ebenfalls im 16-mm-Format gedrehter Film dokumentiert diese einmalige Wiederherstellung als irreversible kulturelle Handlung. Margreiter erinnert damit gleichnishaft auch an den aktuellen Umgang mit Alltagskultur und deren Informationsträgern, die Teil einer kollektiven Identität geworden sind und die immer wieder (und gerade jetzt) im Verschwinden begriffen sind.

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