Tauchfahrten in der Kunsthalle Düsseldorf

Joe Sacco · The Sniper. A Story from Sarajevo (Detail), Seattle 2004

Joe Sacco · The Sniper. A Story from Sarajevo (Detail), Seattle 2004

Besprechung

Das Zeichnen führte lange Zeit ein Schattendasein, gerade unter jungen Künstlern. Doch in jüngster Zeit widmen sich ein ganze Riege von Ausstellungen wieder dieser Gattung. «Tauchfahrten» in der Düsseldorfer Kunsthalle wagt dabei einen ungewöhnlichen und gelungenen Blick auf die zeichnerische Reproduzierbarkeit von Realität: Die Reportage, Thema und Medium der Ausstellung, umfasst 150 Jahre Berichterstattung und Wirklichkeitsdarstellung mit dem Zeichenstift.

Tauchfahrten in der Kunsthalle Düsseldorf

Selbst Kenner der grafischen Künste überrascht, dass hier Zeichnen als Reportagetechnik in die Mitte rückt. Hatte ja die klassische Künstlerzeichnung den ersten Freiraum für Experiment und Uneindeutiges erobert, aus dem sich dann die formale Emanzipation der Moderne entwickelte. Der Liebhaber der Handzeichnung schätzt noch heute das Vorläufige, Subjektive und Spontane als Qualität, die direkte Teilhabe am künstlerischen Prozess verspricht. Nachdrücklich belegt «Tauchfahrten», zuvor zu sehen im Kunstverein Hannover, das ungebrochene Potenzial des Mediums, Realität zu protokollieren - auch unter der Vorherrschaft der Fotografie. Das beruht zu einem grossen Teil auf der unkonventionellen Auswahl der über 300 Blätter von mehr als 60 Autoren durch die beiden Kuratoren, den Kunsthistoriker Clemens Krümmel und den Künstler Alexander Roob (selbst als passionierter Zeichner vertreten). Unkonventionell und erhellend erweist sich auch die Kombination von Künstlerzeichnungen mit Blättern, die man traditionell als Gebrauchsillustrationen begriff: Tatortskizzen, Illustriertenreportagen, Gerichtszeichnungen, Comics Aufzeichnungen von Nervenzellen ... Ausgang und ersten Schwerpunkt bildet eine umfangreiche Sektion mit Illustrationen aus Zeitschriften des neunzehnten Jahrhunderts: Kriegsreportagen machten sich die auflagensteigernde Darstellung der Schlachten zu nutze; Sozialreportagen gestatteten erstmals einem breiteren Publikum Blicke in Arbeitshäuser oder Asyle wie die gefahrlose Teilnahme an Streiken und Arbeitskämpfen. Auffällig war die Konzentraton auf die Aktion, das Dramatische und den Augenblick. Als es noch keine fotografischen Schnappschüsse gab, erzeugten populäre Zeichner wie Fritz Koch-Gotha Momentaufnahmen: Er skizzierte 1918 lebhhaft die Strassenkämpfe des Spartakusaufstands in Berlin. Natürlich nutzten die Zeichenreporter zu allen Zeiten die Freiheit zur Interpretation. Der Kriegszeichner John Singer Sargent aquarellierte das Leben an der Front als Idylle, auf Erich Dittmanns Reportagen der Baader-Meinhof-Prozesse aus den siebziger Jahren erscheinen die Handelnden gutmütig karikiert.

«Tauchfahrten» spürt einerseits unbekanntere Positionen auf: etwa den Illustrator Robert Weaver oder Joe Sacco mit seinen Politcomics. Jim Shaw erstellt bildnerische Traumprotokolle, faszinierende Motivkombinationen, und Peter Blegvad erzeugt mit vorgestellten, gesehenen und dann aus der Erinnerung gezeichneten Motiven surreale Metamorphosen. Andererseits bildet ein sozialkritischer Impetus wohl den Grund für die Integration von Alice Creischer/Monika Baer, Dierk Schmidt oder Andreas Siekmann, bei denen es sich eher um kommentierende Montage und Rekonstruktion handelt, als um die Suche nach Authentizität. Begleitend ist ein lesenswerter Katalog erschienen, 30 Euro.

Until 
23.04.2005

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