Chiara Dynys im Wolfsberg

Chiara Dynys · Hope, 2005, 21-teilige Wandarbeit, Plexiglas und Lenticular, je 11 x 28 cm

Chiara Dynys · Hope, 2005, 21-teilige Wandarbeit, Plexiglas und Lenticular, je 11 x 28 cm

Hinweis

Chiara Dynys im Wolfsberg

Spiegel wecken unterschiedlichste Assoziationen: Sie stehen ebenso für narzisstische Selbstverliebtheit wie für philosophische Abgründe. Man denkt an flotte Designerarchitektur, an Empfangssäle in Fünfstern-Hotels oder an den Coiffeursalon um die Ecke. Die Spiegel, mit welchen uns die Mailänder Künstlerin Chiara Dynys in der von der UBS betriebenen «Platform for Executive & Business Development» im Wolfsberg empfängt, sind jedoch weit mehr als elegantes Design: Die rechtwinkligen Flächen sind zerschnitten und neu zusammengesetzt, so dass sie sich beim näheren Betrachten als subtile Sprachbilder erweisen. Erst allmählich fügen sich die klaren Linien zu Konturen kurzer Worte zusammen: «Whole/Hole», «Buio/Luce», «One/Two» sind die polaren Begriffe, die wir Buchstabe um Buchstabe entziffern.

«The truth lies in the surface, deep in the surface», hatte der amerikanische Künstler Bob Wilson einmal formuliert. Dieser ästhetische Leitsatz könnte auch über die Werke von Chiara Dynys gestellt werden. Denn mit ihrer spiegelnden Eleganz und Evidenz locken uns diese immer wieder in gut cachierte geistige Abgründe.

So schmettern uns beispielsweise grosse Farbkreise in den drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb folgende apodiktischen Aussagen entgegen: «I am love», «I am harmony», «I am wisdom». Der Effekt bleibt nicht aus. Vor soviel Symbolik und Evidenz gerät auch der unerschütterlichste Verfechter von kunsthistorischem Wissen ins Schwanken. Man denkt an Farbtheorien und Farbzuordnungen - Teil einer humanistischen Bildung, die jedoch nur soweit Gültigkeit hat, wie der jeweilige kulturhistorische Radius gezogen wird. Bedeutung, Moral, Komplexität sind immer abhängig vom Kontext der BetrachterInnen. So kippen denn auch die Worte «Hope/Speranza», die in einer zwanzigteiligen Wandarbeit je nach Blickwinkel im blauen Himmel auftauchen und wieder verschwinden, gerade durch die affirmative Klarheit in eine merkwürdige Ambiguität.

In diesem Sinne sind die Werke von Chiara Dynys zutiefst antiideologisch. Dennoch fussen sie in einer handwerklichen, bildlichen künstlerischen Tradition und in entsprechenden Wertvorstellungen. So strahlen die Schwarzweissfotos einer endlosen Reise durch Sizilien, «Viaggio in Sizilia», 2004, eine merkwürdige Melancholie aus, die in den bleichen, zeitlosen Fotos der ausgefahrenen Römerstrassen ebenso wie in den stillgelegten Bahnhöfen mitschwingt. Und die aus kleinsten goldenen Mosaiksteinchen in monatelanger Handarbeit zusammengesetzten Monolithen lassen ebenso byzantische Fresken wie zeitgenössische Discowelten anklingen.

Diese Latenz des Menschlichen, die gerade durch die Absenz einer deutlich individuellen Handschrift und durch die beinahe industrielle Eleganz der Arbeiten anklingt, macht die nachhaltige Wirkung dieser eigenwilligen, anziehenden und doch kühlen künstlerischen Position aus.

Fürs kommende Jahr sind noch drei weitere Ausstellungen angekündigt mit Lori Hersberger (ab 26.4.) und mit Erwin Wurm (ab 20.9.).

Until 
14.04.2005
Artisti
Chiara Dynys

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