«Manifesta 7», Biennale mit regionaler Anbindung

Luigi Ontani · Ermestetica, 2008, Keramikfiguren. Die Serie der farbenfrohen Plastiken steht in direktem Dialog zu den originalen Glasfenstern des futuristischen Künstlers Enrico Prampolini. Ausstellungsansicht, Palazzo delle Poste, Trento

Luigi Ontani · Ermestetica, 2008, Keramikfiguren. Die Serie der farbenfrohen Plastiken steht in direktem Dialog zu den originalen Glasfenstern des futuristischen Künstlers Enrico Prampolini. Ausstellungsansicht, Palazzo delle Poste, Trento

Besprechung

Mit rund 230 KünstlerInnen, verteilt auf vier Standorte, findet in Oberitalien die grösste der bisher realisierten «Europäischen Biennalen» statt. Markant sind die Ausstellungsräume in ehemaligen Industriebauten. Mit ihrer Architektur stehen sie im Kontrast zur prozesshaften Kunst.

«Manifesta 7», Biennale mit regionaler Anbindung

Inmitten der beeindruckenden Bergwelt der Dolomiten, im Grenzgebiet verschiedener Sprachen und Kulturen, findet die 7. Ausgabe der Manifesta dieses Mal im Zentrum eines EU-erweiterten Europas statt, in welches auch aussereuropäische und sogar einige Schweizer Künstler aufgenommen wurden. Nachdem die Manifesta 6 2006 in Nikosia (Zypern) wegen politischer Probleme abgesagt werden musste, ist die Wahl diesmal auf eine vergleichsweise beschauliche Region gefallen. Mit Südtirol und Trentino, den beiden italienischen Provinzen, findet die «Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst» zum ersten Mal auch parallel an vier Standorten entlang einer 130 Kilometer langen Strecke statt: Fortezza/Franzenfeste, Bozen, Trento, Rovereto.
Was die Manifesta diesmal über die übliche Prestigeschau für zeitgenössische Kunst hinaushebt, ist eben diese regionale Anbindung, die sich auch in den ausgesuchten Präsentationslokalitäten spiegelt. In Bozen beispielsweise wurde eine stillgelegte Aluminiumfabrik der «archittetura razionalista» von 1936 so beiläufig adaptiert, dass der etwas morbide Charme der Fabrikationsstätte dieses «Metalls der Geschwindigkeit» dennoch keiner sterilen White Cube-Atmosphäre weichen musste. Hier hat das indische Kuratorenteam Raqs Media Collective den «Rest vom Jetzt» inszeniert. Raqs interpretieren dabei die leere Alumix-Fabrik als ein «Monument für das Übriggebliebene» und luden ihre Künstler ein, diese «verlassene Situation» zu besetzen: Der junge Stefano Bernardi präsentiert im Keller der Fabrik eine Sound-Installation, in der Aufnahmen der Restaurierung von Ex-Alumix als «Metamorphose des Gebäudes» erfahrbar werden, während Kristina Braein mit unmerklichen Eingriffen die Unwirtlichkeit der Fabrikhalle zu einem fast wohnlichen Ort umfunktioniert. In einem Saalkino, versteckt hinter rotem Plüschvorhang, werden polnische Arbeiterfilme aus der sozialistischen Ära gezeigt (zusammengestellt von Neil Cummings und Marysia Lewandowska). Mit Ranu Ghosh, Rupali Gupte oder Sanjay Kak nehmen neben anderen auch indische Kunstschaffende teil, die sich hauptsächlich mit den sozio-ökonomischen Veränderungen der grossen indischen Städte beschäftigen. Eine fast bizarre und in ihrer Low-Tech-Attitüde an frühe Medienkunst erinnernde, raumgreifende Installation haben Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokokoji aus alten elektromechanischen Schaltern hergestellt, die aus den Überresten der Alumix-Fabrik stammen.
Mit dem Palazzo delle Poste inmitten der mittelalterlichen Altstadt, wo im 16. Jahrhundert eines der wichtigsten Kirchenkonzile stattgefunden hat, ist ein weiterer markanter Ausstellungsort für die Manifesta gefunden worden. Als ob sie den rationalistischen Geist in diesem Bauwerk aus den Dreissigerjahren damit bannen könnten, wählten die hier amtenden Kuratoren, Anselm Franke und Hila Peleg, das Motto: «Die Seele oder: Viel Ärger beim Transport von Seelen». Auch dieses Team bezieht sich auf die Geschichte des Palazzo mit seiner am italienischen Futurismus orientierten Bauweise, gestaltete seinen Parcours aber als absolut ironiefreie Zone. Die Künstler indessen versuchen diesen Vorgaben mit philosophischen, psychologisch motivierten oder moderne-kritischen Arbeiten gerecht zu werden: Bronzene Affen, sinnierend auf einem Bücherstapel von Klaus Weber, metaphysische Zeichnungen von Nader Ahriman, Fotos von Ufos von Peter Coffin oder ein falsches Spiegelkabinett der Amerikanerin Beth Campbell sind hier neben weiteren Arbeiten in den weitläufigen ehemaligen Postbüros zu sehen. Dazwischen eingestreut wurden fünf «temporäre Museen», wovon eines dem Erneuerer der italienischen Psychiatrie, Franco Basaglia, gewidmet ist.
In Rovereto, wo die Kunst in einer Kakao- und einer Tabakfabrik des 19. Jahrhunderts sowie in einer Station beim Bahnhof präsentiert wird, hat der Solo-Kurator Adam Budak seinen Part unter dem Titel «Das Prinzip Hoffnung» subsumiert. Hier wurden unter anderem auch einige Performances präsentiert, wie beispielsweise eine poetische «Schumann-Maschine» im Hof der Manifattura Tabacchi von Ragnar Kjartansson oder Christian Philipp Müllers Umzugswagen als Hommage an den Futuristen Fortunato Depero, der selbst aus Rovereto stammte.
Spektakulärste Location dieser Manifesta, wenn auch die am wenigsten gemütliche, ist die im Norden kurz nach dem Brenner gelegene Franzenfeste, ein von den Habsburgern 1838 eingeweihtes militärisches Bollwerk, das Österreich gegen einen zu dieser Zeit nur mehr imaginierten Feind hätte schützen sollen. Das Potemkinsche dieser Anlage, die Irrationalität ihrer Bestimmung, verbunden mit einer prärationalistischen Bauweise, schien denn auch die Kuratoren der Manifesta zu einer gemeinsamen Idee zu inspirieren. Die labyrinthischen Gänge wurden unter dem Titel «Scenarios» mit Geschichten, bzw. Toninstallationen ganz unterschiedlicher AutorInnen - von Arundhati Roy bis zu Thomas Meineke oder Saskia Sassen - bespielt, welche die Festung selbst zum Thema haben. So geht man durch die frisch renovierten und erstmals zugänglich gemachten Gewölbe wie durch eine Folge wispernder Gemäuer: Von Orten der Fantasie, der Utopie, aber auch der Migration ist hier die Rede. Einige sparsame Kunst-Interventionen, wie die überzeugenden Lichtinstallationen von Philippe Rahm, ergänzen dieses Arrangement.
Es gibt auf dieser Manifesta viele junge Künstler und Künstlerinnen zu entdecken - als repräsentatives Statement für den «hoffnungsfrohen» Aufbruch eines Europa, das zeitgenössische Kunst als Tourismus- und Standortfaktor zu entdecken beginnt. So darf nicht unerwähnt bleiben, dass zur selben Zeit die erste Ausstellung des neuen Museums für Gegenwartskunst in Bozen, Museion, eröffnet wurde - mit Arbeiten von weiteren 200 Kunstschaffenden.

Until 
01.11.2008

«Manifesta 7», Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, Trentino/Südtirol, bis 2.11.
«Peripherer Blick und kollektiver Körper», Museion Bozen, Ausstellung bis 21.9.

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