Renée Levi - Zwischen Zügellosigkeit und Reduktion

Renée Levi · Ani, 2008, Acryl auf Leinwand (2x) 280 x 230 cm, Courtesy Galerie Evergreene, Genf Ephemeer, 2008, Acryl auf Dispersion auf Wand 375 x 900 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun.? Foto: Annik Wetter

Renée Levi · Ani, 2008, Acryl auf Leinwand (2x) 280 x 230 cm, Courtesy Galerie Evergreene, Genf Ephemeer, 2008, Acryl auf Dispersion auf Wand 375 x 900 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun.? Foto: Annik Wetter

Besprechung

Die international bekannte Künstlerin Renée Levi hat für das Kunstmuseum Thun ältere Installationen und bestehende Werkgruppen inszeniert und mit neuen Arbeiten ergänzt. Zwischen der historischen Architektur und ihren energiegeladenen Farb­raumbildern hat sich ein überraschender Dialog entwickelt.

Renée Levi - Zwischen Zügellosigkeit und Reduktion

Renée Levi versteht es, mit ihren farbintensiven, grossformatigen Spraybildern die Vergangenheit des Kunstmuseums Thun aufleben zu lassen. Die Räume des ehemaligen Grandhotels Thunerhof aus dem späten 19. Jahrhundert kann man so in ihrer Grosszügigkeit und Luftigkeit neu erleben. Gewisse Raumöffnungen hat Renée Levi (*1960 in Istanbul, lebt in Basel) mit ihren Interventionen geschlossen, andere wiederum geöffnet. Im ersten Saal meint man inmitten der gesprayten, die Wände füllenden und verschränkenden Kringel in ein energetisches Lichtbad zu tauchen. Repetitive, schlichte Ornamente erzeugen in ihrem leuchtenden Weiss eine flirrende Atmosphäre und lenken den Blick auf die Struktur des Parketts und auf die Rosetten am repräsentativen Cheminée. Dagegen wirkt die Arbeit «Lemniskate» von 2007 aus vier grundierten Leinwänden mit ineinander verschränkten schwarzen oder gelben Kreisen und Ovalen auf blauem oder schwarzem Grund sehr reduziert. Doch gerade hier wird die Bewegung, das Gestische und Performative sichtbar, insofern als die Beschleunigung eine präzise, geschwungene Zeichnung ergibt und ein langsamer Strich eine wolkenartige Ausbreitung der Farbe. Im Nu ist so ein Bild gemalt, unter tänzerischem Einsatz des ganzen Körpers und die Wirkung ist enorm. Häufig malt Renée Levi die Bilder in einem Zug. Falls sie abbrechen muss, werden sie übermalt und das Prozedere beginnt von vorne. Die Spraydose ist für sie ein ideales Werkzeug, weil sie ein grosses Potential bietet, um Dinge auszuprobieren, zumal man mit ihr spontan und schnell arbeiten kann. Ein Vergleich mit Graffiti bietet sich an, auch wenn die stets abstrakten Spraybilder von Levi das Gegenteil der Signaturen der «tags» bilden, mit denen andere Sprayer kodifiziert kommunizieren.

Sensorium für Räume
Auf eine kecke, fast provokante Geste stösst man im ehemaligen Speisesaal. Hier hat Renée Levi die mit Rundfenstern und -türen geöffnete, an die Veranda angebaute Längswand mit brauner Klebefolie ganz schliessen lassen. An der gegenüberliegenden Wand findet sich das Motiv der runden Öffnungen wieder, indem auf grauem Untergrund weisse Kreis- und Ovalformen gesetzt und blau umrandet sind. Dort, wo sie sich gegen die Bildränder öffnen, verschmelzen sie mit der Museumswand. Damit hat die Künstlerin die repräsentative, imposante Architektur auf einen White Cube-artigen Raum reduziert und so die gewohnte Wahrnehmung unterwandert. Ihr ausgeprägtes Sensorium für räumliche Konstellationen und Dispositionen verrät, dass sie ursprünglich von der Architektur kommt. Nicht umsonst hat sie sich mit zahlreichen Werken im öffentlichen Raum hervorgetan. So mit der eben fertig gestellten dreiteiligen Arbeit in der Chefetage im Hauptgebäude der Crédit Suisse. Sie besteht aus zwei Bodenbildern und als Pendants zwei Leinwandbildern im grossen Sitzungszimmer sowie direkt auf die Wand gesprayten Spiralkurven im Gang. Imposant sind das achtzehnteilige Wandbild «Reuss», 1999/2000, im Grossratssaal des Kantons Luzern und die Wandmalerei «Eyes», 2000, in der Schalterhalle der UBS Basel, welche die Architekturen herausfordern, entgrenzen und sogar düpieren. Eine besonders poetische Arbeit ist «Les éléphants voilés», 2006, elf gesprayte Bilder im Behandlungstrakt des Kantonsspitals Winterthur. Inspiriert sind die Wandarbeiten vom «Dessin No. 1» aus dem Buch «Le Petit Prince» von Antoine de Saint-Exupéry, der Zeichnung, in der alle Erwachsenen einen Hut sehen und nicht den von einer Schlange verschluckten Elefanten. Die grünlich-blauen Formen, die über die Wand des Spitalflurs zu huschen scheinen, mögen tatsächlich an einen Elefanten erinnern, wobei Levi den Titel erst erfand, als die Formen schon feststanden. Ihr gefiel vor allem der Begriff «voiler» im Sinn von verbergen und verschleiern. Die Formen ergaben sich aus dem Konzept, der sachlich-kühlen Spitalarchitektur Energie, Licht und Lebendigkeit entgegenzuhalten. So sprayte sie amorphe Formen an die Wand, die in ihrer Bewegtheit und Verschiedenartigkeit organische Konfigurationen evozieren. Abrupt werden sie durch eine markante, die Form schneidende Horizontale begrenzt, welche die Höhe der Handläufe aufnimmt, die in jedem Spital die Flure prägen.

Aura und persönliche Handschrift
In der ehemaligen Veranda des Kunstmuseums Thun trifft man auf ganz unterschiedliche Werke der letzten zwanzig Jahre in «Petersburger Hängung». Auch frühere, aus dem Kontext gerissene Werke sind hier platziert, Gipsplatten, Schaumstoffstücke oder skulpturale Arbeiten, die durch stehende schwarze Papiere zu Säulenformationen geworden sind. Alles Arbeiten, die Levi braucht, um Ideen zu entwickeln. Insbesondere sind da ihre Zeichnungen zu beachten, welche den Humus ihrer Formfindungen bilden. Die retrospektivisch angelegte Ausstellung macht bewusst, dass es der Künstlerin vordringlich darum geht, sich von der traditionsbelasteten Malerei zu befreien und ihren Begriff - im Dialog mit der Architektur - zu erweitern. Dabei spielen Fragen nach der Aura und der persönlichen Handschrift eine zentrale Rolle.

Until 
22.11.2008

Werbung