Zilla Leutenegger: Zilla und das 7. Zimmer

Zilla Leutenegger · «Piano» und «Kristalle», Videoprojektion mit Diskpiano und Kristallen aus Plexiglas

Zilla Leutenegger · «Piano» und «Kristalle», Videoprojektion mit Diskpiano und Kristallen aus Plexiglas

Besprechung

Wer im Kunstmuseum Thurgau die Steintreppe hinuntersteigt, gelangt nicht zu Blaubarts schrecklicher Kammer, sondern zum ehemaligen Weinkeller der Kartause Ittingen, den die in Zürich lebende Künstlerin Zilla Leutenegger für einige Wochen in einen zauberhaft-somnambulen Raum verwandelt hat.

Zilla Leutenegger: Zilla und das 7. Zimmer

Die Bezeichnung «Zimmer» verheisst Intimität; die Zahl 7 Geheimnis. Am Anfang des Projekts stand denn auch die Befindlichkeit in den eigenen vier Wänden, mit der sich Zilla Leutenegger (*1968) in vielen Zeichnungen beschäftigt hat. Im grossen Ausstellungskeller herrscht Nacht, doch verliert man sich nicht im Dunkeln: Sieben weisse, von der Künstlerin selbst aus Plexiglas gefertigte Kristallformen leuchten auf ihren Sockeln und bieten Orientierungshilfe, während die drei Videoprojektionen «Piano», «Vollmond» und «Scala» wie luzide Träume spotmässig die Mauern erhellen. Aus der Tiefe des Raumes erklingt sanfte Musik. Jemand, so scheint es, studiert ein Stück von Beethoven ein. Tatsächlich erspäht man von Weitem den Schattenriss einer Klavier spielenden Figur. Beim Nähertreten wird man gewahr, dass nur der Flügel wirklich vorhanden ist und einen scharf umrissenen Schatten an die Stirnwand wirft, während die Figur auf einer Computer animierten Videoprojektion basiert; dennoch bewegen sich die Tasten wie von Geisterhand berührt. Zilla Leutenegger versteht es, verschiedene Medien und Realitätsebenen zu verschränken. In der Kartause, in der Schattenbilder ihre sonst üblichen Strichzeichnungen ersetzen, irritiert neben dem Gegensatz von bewegten und unbewegten Bildelementen auch das Ineinandergreifen von An- und Abwesenheit. Während der Schattenwurf für Authentizität bürgt, führt die animierte Projektion eine lebendige, allerdings nur vermeintliche Gegenwart vor Augen. So auch in der Installation «Vollmond». Durch das Fenster der gezimmerten Bühne erblickt man den Vollmond (eine runde Lampe), während die projizierte Schattenfigur aufrecht im (reellen) Bett sitzt und aus dem (virtuellen) Fenster guckt. In «Scala» hockt die Figur auf dem Schatten der Kellertreppe, wippt mit ihren Füssen und nestelt an sich herum - mehr tut sie nicht. Das Verfliessen der Zeit wird mit dieser Untätigkeit geradezu körperlich spürbar gemacht. Der nächtlichen «lange Weile», wie sie Zilla Leutenegger zum Ausdruck bringt, haftet jedoch nichts Bedrückendes an. Die Ausstellung verströmt vielmehr eine Atmosphäre von Geborgenheit, das Gefühl vom Aufgehen in der Zeit und ein Bei-sich-selbst-Sein, wie man es aus der Kindheit kennt. So gesehen ist die Nacht ein Raum für erweiterte Bewusstseins-Zustände.

Until 
13.12.2008

Publikation, Verlag Christoph Keller / Edition JRP|Ringier

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