Sophie Calle, Fiona Banner und Joseph Grigely in der Galerie Gross

Sophie Calle · Days under the spell of B, C and W, 1998, Brigitte Bardot (Detail), Farbfotografie, 67x67 cm; Courtesy Barbara Gross, München

Sophie Calle · Days under the spell of B, C and W, 1998, Brigitte Bardot (Detail), Farbfotografie, 67x67 cm; Courtesy Barbara Gross, München

Besprechung

Alle drei verbindet, dass sie nach neuen Formen für ihre Fiktionen suchen. Doppelbödige Spiele mit der Wirklichkeit sind, so sehr sich ihre künstlerischen Mittel unterscheiden, ihr Thema.

Sophie Calle, Fiona Banner und Joseph Grigely in der Galerie Gross

Bei Sophie Calle verschiebt sich die Realität durchs Leben, bei Joseph Grigely durchs Hören und bei Fiona Banner durchs Sehen. Sophie Calles Zugang zum eigenen Leben und Erleben thematisiert die französische Künstlerin (*1953) indem sie sich an die Fersen anderer Menschen heftet, sie beobachtet, zu ihrem Schatten wird. Das Verschwinden der eigenen Existenz im Spiegelbild einer anderen wäre Sophie Calle um ein Haar in der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Erfolgsautor Paul Auster gelungen. Ihm hatte die exzentrische Sophie ein Jahr ihres Lebens angeboten. Die Spende erschreckte den Autor. So blieb es bei Austers Adaptation mehrerer Lebensabschnitte von Sophie Calle in seinem Roman «Leviathan». Austers Figur «Maria» lebt mit der Seele und dem Körper der tatsächlichen Sophie. Calle verdoppelt Austers Spiel, indem sie in einer weiterführenden Arbeit Austers Romanfigur nachlebt und ihren Tagesablauf nach bestimmten Buchstaben des Alphabets imaginiert. Oder sie macht eine Telefonzelle mitten in Manhattan zu ihrem geliebten «Objekt», das sie pflegt, besetzt, verschönert. So präzise im Formalen wie in der Arbeit um Paul Auster fotografiert Calle Blinde, stellt ihnen die Frage nach der Bedeutung von Schönheit. Dieses Nebeneinander von Text und Bild berührte den New Yorker Künstler Joseph Grigley (*1956) derart, dass er nach jedem seiner Besuche, und es waren deren viele, an Calle unbekannterweise eine Postkarte schrieb. Ihm, dem seit seinem 21. Lebensjahr tauben Zeichner, öffnete sich in Calles Arbeit eine Welt qualvoller und doch wunderschöner Wahlverwandschaften. Ähneln Sophie Calles und Paul Austers Spiele mit den Identitäten den Gesellschaftsspielen im Paris der zwanziger Jahre, so sind Joseph Grigelys mitunter wütende Versuche zu kommunizieren Realität. Erst seit den neunziger Jahren stellt er seine Textbilder aus. In seinen gekritzelten Nachrichten scheint die Welt des Normalen meilenweit entfernt, wahrnehmbar einzig durch den Filter desjenigen, der nicht hört, was andere sagen. Fiona Banners (*1966, Liverpool) Welt ist der Film, der grosse Film, zu dem sie einen bildnerischen Gegenpol schafft. «Die Wüste» (1994) ist eine textuelle Nacherzählung von David Leans «Lawrence von Arabien». Fiona Banner übernimmt das Format des Films und macht daraus einen Breitwandepos in eng geschriebenen Zeilen. Arbeitet sie zu anderen atavistischen Filmszenen, wie Verfolgungsjagden im Auto in «French Connection», werden ihre nacherzählten Geschichten im Textbild gedrungen und dicht. Und der amerikanische Mythos «Vietnam» wird in ihrer Arbeit zu einem nicht enden wollenden Band. Banners Emotionen finden eine direkte Umsetzung ins Bild. Dem Rhythmus des davoneilenden Filmbilds setzt sie ihre Schriftbilder entgegen. Und trotzdem ist in ihrem «Erlebten» kein ruhiger Fluss zu finden. Ihre Geschichten haben keinen Anfang, kein Ende. Sie sind wie das Leben und die Kunst in den Metaphern einer Sophie Calle oder eines Joseph Grigely.


Until 
09.11.1999

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