Das Experiment Malen

Hanspeter Hofmann (*1960 in Mitlödi/Glarus, lebt in Basel), Foto: Franziska Messner-Rast.

Hanspeter Hofmann (*1960 in Mitlödi/Glarus, lebt in Basel), Foto: Franziska Messner-Rast.

Ohne Titel, 2001, Acryl auf Leinwand, 130 x 100 cm, alle Werkaufnahmen: Martin Bühler

Ohne Titel, 2001, Acryl auf Leinwand, 130 x 100 cm, alle Werkaufnahmen: Martin Bühler

Fokus

Nachdem Hanspeter Hofmanns abstrakte Bilder zusammen mit Vera Lutters Fotografien im Frühjahr des letzten Jahres in der Kunsthalle Basel zu sehen waren, soll sich der Blick hier auf seine allerneuesten, noch künstlicher und bunter gewordenen Malereien richten. Hofmanns systematische Untersuchungen, die stets zwischen Referenz und autonomer Formensprache oszillieren, loten mit Konsequenz die der Malerei innewohnenden Kräfte aus.

Das Experiment Malen

Zur Malerei von Hanspeter Hofmann

Die metaphorische Bezeichnung «Experiment» für künstlerische Arbeiten der sechziger Jahre, tadelte Hans Magnus Enzensberger in seinem legendären Text «Die Aporien der Avantgarde», 1962, sei höchst unsinnig und unbrauchbar. Zugleich sei sie Ausdruck dafür, dass sich die Künstler der Verantwortung und Haftung vor dem Endresultat verweigern und es vorziehen, den blinden Zufall walten zu lassen. Enzensberger plädiert in seiner bisweilen reaktionären Avantgardekritik stattdessen für einen Experimentbegriff, der nicht den reinen Selbstzweck anstrebt, sondern sich als vorhersagbarer Verlauf innerhalb bestimmter Regeln begreift. Für die Malerei nun von Hanspeter Hofmann ist das Experiment, frei von allen avantgardistischen Implikationen, zentraler Angelpunkt seines Werkes.

Die grellen Schlaufen, Blasen und Kringel, die in allen Arbeiten immer wieder auftauchen, sich verdichten, einmal grösser und einmal kleiner, assoziieren in ihrer Formenvielfalt unterschiedlichste visuelle Komplexe. Einerseits erinnert Hofmanns Malerei an die Tradition organischer Abstraktion, andrerseits sind das Formenrepertoire und ihre Farbigkeit mit einer Nierentisch- und Siebzigerjahre-Revivalästhetik, vor allem aber mit Reminiszenzen an molekulare Strukturen chemischer Lösungen verwandt. Hofmanns Verfahrensweise ist aber kaum in direkter Analogie zu naturwissenschaftlichen Experimenten misszuverstehen, zumal sie sich nicht einmal direkt solcher Bildvorlagen bedient. Viel eher schwingt stets eine Ahnung biomorpher Welten mit, die jedoch einem autonomen Formenvokabular entspringen, das der Künstler als konzeptuellen Ausgangspunkt vor nahezu zehn Jahren eigens geschaffen hat. In einer Holzschnittserie legte er sein Material fest, um dieses dann zu variieren, fragmentieren und fokussieren. Dieselben Formationen tauchen daher in unterschiedlichen Bildern immer wieder auf, wenngleich sie sich nicht sofort als solche zu erkennen geben. Experimente sind Hofmanns Bilder vor allem folglich deswegen, weil sie von Anfang an einen Rahmen definieren und mit der regelhaften Bildsprache einen Freiraum ausbilden, in dem sich die Malerei zwischen Kalkül und Zufall in ihrer ganzen Prozessualität veranschaulichen kann.

Das Verschwinden der Linien   Hanspeter Hofmanns Thema ist die Malerei als Malerei. Durch den Einbezug von semiwissenschaftlichen Realitätspartikeln wird jedoch der Radius enorm erweitert, so dass hier Malerei nicht als ästhetizistische Autarkiebewegung zu verstehen ist. Die Bilder können schon deshalb keinen abgeschlossenen Kosmos ausbilden, weil sie immer nur Teil eines Ganzen sind. Teil nämlich der gegebenen Ausgangsstruktur. Wohl aus diesem Grund bezeichnete Hofmann seine Malereien jüngst als Versuchsreihe und implizierte damit, dass nach dem Niedergang der Moderne der Glaube an das absolute Bild längst verloren gegangen ist. Malerei als Malerei meint folglich nicht die Nabelschau der eigenen Mittel, sondern die prozessuale Dimension malerischer Dekonstruktion.

Schlaufen ziehen über einen zumeist monochromen Hintergrund, Farbhäute spannen sich auf und seit neuestem blähen sich reliefartige Blasen aus dem Hintergrund auf. Es ist, als ob sich die Malerei verselbständigt und Hofmann mit dem Mikroskop auf die vermeintlichen Wachstumsprozesse blickt, die er selbst in Gang gesetzt hat. Die aufgebaute Spannung und Potenzialität lassen die Bilder als Momentaufnahme im Fluidum der Zeit erscheinen, wie sie eigentlich nur die Fotografie festzuhalten imstande ist. In einer neuen Serie auf Papier etwa verlaufen vor einem schwarzen Hintergrund milchige Linien, die sich gerade erst formiert haben und in nächster Minute im Dunkel des Grundes zu verschwinden drohen. Ähnlich einer Fotografie ist hier in Schwarzweiss die Entstehung einer Figuration aus tausend möglichen Konstellationen eingefroren wiedergegeben. Das bedeutet, dass diese sich nur temporär herausbilden können, ohne jemals von grosser Dauer zu sein. Oder anders ausgedrückt: eine Figuration ist stets ein spezifischer Aggregatzustand der Abstraktion.

Zoom und Mikrokosmos   Die oben beschriebene zeitliche Dimension wurde vor allem in den älteren Malereien mit silbrigem Grund mittels eines dialogischen Moments mit dem Betrachter verdoppelt: Die metallischen Interferenzfarben spiegelten sich je nach Standort und die Formationen veränderten sich permanent vor den Augen des Betrachters, dessen Einbindung bei Hanspeter Hofmanns neuesten Arbeiten zunehmend loser wird. Die silbrig glänzenden Malereien wurden nämlich von einer Serie schwarzer Hintergründe abgelöst, um gewissermassen in einem Befreiungsschlag zu einer noch artifizielleren und bunteren Farbpalette zu gelangen, mit dem Resultat einer freieren Assoziationskraft, jenseits von biochemischer Zugehörigkeit und Nährlösung oder auf jeden Fall weiter weg davon. Innerhalb seines Systems scheint Hanspeter Hofmann die Schlaufen und Linien, welche als Einzelbestandteile konstitutiv für die Malerei überhaupt sind, nun näher heranzuzoomen. Der dadurch aufgebrochene Mikrokosmos gibt den Blick frei auf die materialen Eigenschaften der Acrylfarben. Sie weisen keine ausserbildliche Referenz mehr auf, ausser dass sie an einen kaum benennbaren zeitgenössischen Erfahrungsraum ausserhalb der Malerei gekoppelt sind. Das Interesse scheint sich in den neuesten Arbeiten somit verstärkt auf malerische Prozesse zu konzentrieren, die nun weniger Fragen der Figuration betreffen, als Fragen der Eigengesetzlichkeit von Farbe und deren Interaktions- und Reaktionspotential. Mit einem Vergrösserungsglas wird das Ineinanderfliessen von Farbe und das Aufeinanderprallen von Linien sichtbar gemacht, so dass einem Experiment gleich das Schnittfeld von Zufälligkeit und Kalkül zum Gegenstand der Untersuchung wird. Die Malerei ist in ihre kleinstmöglichen Bestandteile zerlegt worden; ganz tief unten, an der untersten Wurzel, aus der später so etwas wie Illusionismus überhaupt erst hervorgehen könnte.

Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Hanspeter Hofmann da 12.03.2002 a 04.05.2002 Ausstellung Basel
Schweiz
CH

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