Pandemie und wie weiter? — Vittorio Santoro

Vittorio Santoro und Emil Sennewald unterhalten sich auf Distanz, 31.3. 2020

Vittorio Santoro und Emil Sennewald unterhalten sich auf Distanz, 31.3. 2020

Pandemie und wie weiter? — Vittorio Santoro

In der Juni-Ausgabe des Kunstbulletins begann eine Serie von Interviews, die inmitten pandemischer Unterbrechung Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit bot, anhand einer eigenen Arbeit ihre aktuelle Situation zu reflektieren und zugleich den Blick auf eine mögliche Zukunft der Kunst zu richten. Allen gemeinsam war die Anerkennung eines grundlegenden Wandels – der auch fällig wäre. Während nach und nach die Ausgangsbeschränkungen gelockert, die Grenzen geöffnet werden, macht sich ein Trend zur Verdrängung, zur Wiederherstellung des Gewohnten bemerkbar. Grund genug, die Serie in loser, chronologischer Folge hier fortzusetzen und weiter zu fragen, was wird, mit der Kunst.

Eine Nähe erzeugen

Sennewald: Ein Teil deiner Arbeit besteht in der Auseinandersetzung mit Distanz. Es geht um das Gespräch mit sich und anderen. Wie möchtest Du das Gespräch nach der erzwungenen Distanz künstlerisch (wieder) aufnehmen?

Santoro: Ich untersuche gesellschaftliche Mechanismen. Dazu gehört natürlich auch die Frage von Nähe und Distanz. Zum Beispiel ‹Silence destroys consequences›, ein Briefwechsel von 2010/2011. Da ging es darum, das mittlerweile fast exotische Briefeschreiben aufzugreifen. Dafür habe ich Zufallsbekanntschaften oder auch Freunde gebeten, mir den titelgebenden Satz per Brief zu schicken. Das sollte eine Art Beziehung stimulieren. Auf rund 120 Briefe kamen 97 zurück. Ich wollte sehen, ob sich ein Engagement ergibt. Künstlerische Arbeit ist für mich ein Angebot, das man in die Welt schickt. Ich will darüber hinaus das Publikum aktivieren. Dafür ermutige ich mit Strategien zu Handlungen und Entscheidungen oder ich entwickle «real time activities». Diese werden im Oktober im Kunstmuseum Luzern eine grosse Rolle spielen. Damit will ich eine andere Nähe erzeugen, eine, die Einsatz erfordert. J. Emil Sennewald

Paris, 31. März 2020

https://vittoriosantoro.info

J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist, unterrichtet an der Kunsthochschule ésacm in Clermont-Ferrand und der F+F Schule in Zürich, berichtet seit über 15 Jahren über Kunst aus Frankreich. emil@weiswald.com, www.weiswald.com

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