Zwischen Abnabelung und Annäherung: zeitgenössische Kunst im Südkaukasus

Fokus

Auch mehr als ein Jahrzehnt nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die kaukasische Region von ethnischen Konflikten überschattet und zum Spielball der Mächte geworden. Nebst den zwei geostrategischen Gefügen West-Ost (Washington-Ankara-Tbilissi-Baku) und Nord-Süd (Moskau-Eriwan-Teheran), die eine grosse wirtschaftliche und strategische Bedeutung für den Kaukasus haben, steht die Region am Kaspischen Meer mit ihren massiven Gas- und Ölreserven im Brennpunkt der Grossmächte. Die BTC-Trasse (Baku-Tbilissi-Ceyhan), ein multinationales Pipelineprojekt der
britischen BP, startet in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku und erstreckt sich über Georgien bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Die damit verbundenen ökologischen Schäden und wirtschaftlichen Folgen manifestieren sich deutlich.

Zwischen Abnabelung und Annäherung: zeitgenössische Kunst im Südkaukasus

Der Südkaukasus ist ein artifizielles Konstrukt von Teilrepubliken der ehemaligen russischen Kolonialmacht, wobei die heute autonomen Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan ethnisch und geografisch starke Unterschiede zeigen. Auch die Kunstszenen dieser Länder sind keineswegs homogen. Politische Machtkämpfe und die historischen Bedingungen bremsen immer noch eine engere kulturelle Zusammenarbeit der drei Staaten. Trotzdem suchen Kulturschaffende eine gemeinsame Basis für einen Diskurs. Veranstaltungen, welche die drei Regionen involvieren, können heute aus politischen Gründen nur auf georgischem Boden stattfinden. Einen wichtigen Beitrag leistet dabei seit zwei Jahren «Appendix», eine internationale Ausstellung in Tbilissi mit zunehmendem Anspruch. Das vor Ort gewachsene Projekt mit Werkstattcharakter ist eine Initiative des Künstlerkollektivs «media art farm (maf)», einer Vereinigung von Künstlern und Kunsthistorikern, welche die einzige künstlerische Ausbildungsstätte für neue Medien im Kaukasus anbietet. Das ambitiöse Projekt, initiiert von den KünstlerInnen Wato Tsereteli, Ingrid Degraeve und mitverantwortlich dem Schweizer Daniel Brefin, ist in den Räumen einer ehemaligen Karawanserei untergebracht, wo sich auch das Stadtmuseum von Tbilissi befindet. Neben einer einzigartigen Bibliothek für Gegenwartskunst stehen dort auch Videoschnittplätze zur Verfügung. Das maf ist international gut vernetzt und bildet ein Refugium für georgische zeitgenössische Künstler und Kunststudenten, die sich hier das nötige Knowhow aneignen können. Die offizielle staatliche Kunsthochschule ist, wie in den Nachbarregionen, immer noch in der sowjetischen Tradition verhaftet.

Armenien profitierte, wie kaum eine andere Teilrepublik der ehemaligen UdSSR, vom Engagement privater Kunstsammler im In- und Ausland. Öffentliche Sammlungen entstanden durch Schenkungen und Überführungen von verstaatlichtem Kulturgut aus der Diaspora. Das Kunstzentrum ACCEA (Armenian Center for Contemporary Experimental Art) in Eriwan ist seit 1996 aktiv. Es wird vom Ehepaar Balassanian gefördert und unterstützt. Eine Gruppe junger Künstler und Kuratoren gestaltet das umfassende internationale Ausstellungsprogramm. Als Bindeglied zwischen der Schweiz und Armenien funktioniert die Genfer Initiative «Utopiana», die regelmässig Projekte mit armenischen Künstlern in der Schweiz und in Armenien organisiert. Die beiden Vermittler mit armenischen Wurzeln, Anna Barseghian und Stefan Kristensen, agieren als Brückenbauer zwischen den Kulturen, indem sie an beiden Orten Produktionsgelegenheiten für Künstler bieten.

Sehr komplex ist die Lage für Kulturschaffende in Aserbaidschan. Von der Regierung ist im Moment kaum Unterstützung zu erwarten. Zwei Künstlerinitiativen bestimmen die Region und geben Künstlern eine Chance ihre experimentellen Arbeiten zu zeigen. Es sind dies «Arts etc.» des Kurators und Künstlers Chingiz Babayev und der von einer jüngeren Künstlergruppe organisierte Ausstellungsort «Wings of Time». Beide Initiativen konzentrieren sich auf eine intensive Vermittlung von aktuellen Positionen der aserbaidschanische Kunstszene. Die durch die Ölwirtschaft verursachte Veränderung in der Landschaft wird von der aserbaidschanische Kunstszene stark rezipiert und thematisiert.

Im Kontext der infrastrukturellen Bedingungen leidet die Region darunter, dass ein Kunstmarkt kaum existiert. Kulturpolitisch hofft die junge Kunstszene in Georgien auf die gegenwärtige Regierung, die zielstrebig als Erstes den dramatischen Zustand der Museen beheben möchte und die Planung eines Museums für zeitgenössische Kunst vorantreibt. Die Hilfe von ausländischen Institutionen ist aber weiterhin unabdingbar.

Trotz des neu gewonnenen kulturellen Selbstbewusstseins bleibt die Problematik der Isolation der drei Länder akut und ist symptomatisch für eine Region zwischen östlichem und westlichem Kulturverständnis. Das Interesse der westlichen Kunstwelt für diese Region ist noch bescheiden. Die Künstler in der Diaspora erhalten mehr Aufmerksamkeit als diejenigen in der Heimat. Eine Prognose für die Kunstszene des Kaukasus ist schwierig. Aber die Künstler setzen ihre Möglichkeiten strategisch ein und reagieren auf die geopolitische, nationale und kulturelle Situationen mit pointierter Selbstironie und unverblümter Direktheit.

Im engeren Sinne bezeichnet der Kaukasus das Hochgebirge zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Angrenzende Länder sind u.a. Russland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Weitere Informationen:

Georgien:
maf ( media art farm), www.farm.ge
AIRL (information on Arts Interdisciplinary Research Laboratory), 5 Tabukashvili str., Tbilisi 0108, Georgia

Armenien:
ACCEA (Armenian Center for Contemporary Experimental Art), www.accea.org
Hay Art Cultural Centre, www.hayart.am

Aserbaidschan: Arts etc, www.artsetc.org
Wings of time (Zamanin Qanadlari), www.wings.aznet.org

Schweiz:
Utopiana, www.utopiana.am

Helen Hirsch ist Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin in Basel. Sie arbeitet als freischaffende Kuratorin mit Schwerpunkt interkulturelle Projekte in der zeitgenössischen Kunst. Zusammen mit der georgische Kuratorin Nino Tschogoschvili hat sie im Mai einen Workshop für Kuratoren und ein internationales Kunstsymposium unter dem Titel «Grenzenlos Erforschen» im Goethe Institut Tbilissi organisiert. Der Anlass diente einer analytischen Bestandesaufnahme der jungen Kunstszenen im Südkaukasus und einer kritischen Betrachtung des gegenwärtigen Kunstdialogs im interkulturellen Kontext.

Author(s)
Helen Hirsch

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