Yael Bartana im Kunstverein

Yael Bartana · Wild Seeds, 2005, Videostill

Yael Bartana · Wild Seeds, 2005, Videostill

Besprechung

Yael Bartana nimmt in ihren Filmen einen beobachtenden, stets aufs Persönliche gerichteten Blickwinkel ein. Die israelische Künstlerin zeigt Menschen ihrer Heimat bei typischen Feiern, Vergnügungen und Ritualen, filmt etwa verkleidete Kinder und Erwachsene in orthodoxen Vierteln Jerusalems beim traditionellen Purim-Fest, «When Adar Enters», 2003, oder Freizeitfahrer, die vor Tel Aviv in aufgemotzten Monstertrucks um Geländegewinne wetteifern, «Kings of the Hill», 2003. Bartana zeigt Realität, deckt dabei aber auf subtile Weise mehr auf.

Yael Bartana im Kunstverein

Eine nächtliche Autobahn, flutender Verkehr. Scheinwerferlicht verknüpft die Fahrzeuge zum dicht dahinfliessenden Strom. Der Blickpunkt ist erhöht, offenbar wurde die Kamera auf einer Brücke postiert. Diese Perspektive, zwischen Distanz und Überwachung, wird in «Trembling Time», 2001, durchgehalten und zeigt eine Szenerie, die praktisch überall sein könnte: Hinweise auf Landschaft, Region, Autokennzeichen sind vom Dunkel verschluckt und machen den Ort zum anonymen Durchgangspunkt. Dann geschieht Unerwartetes: Wie auf ein geheimes Zeichen hin verlangsamt sich das Geschehen. Was man zunächst für Zeitlupeneffekte hält, wird real: Autos halten an, der Verkehr ruht. Türen werden geöffnet, Menschen steigen aus, bleiben neben ihren Fahrzeugen stehen. Keiner nimmt vom anderen Notiz. Nach einer Weile steigt man wieder ein, der Verkehrsfluss kommt in Gang, alles ist wie zuvor.

Was ist hier passiert? Eine Frage, die als Irritation oder leises Befremden in allen Filmen Bartanas präsent ist. In nüchternem Dokumentarstil gehalten, sind sie doch wie unmerklich mit subjektiver Atmosphäre aufgeladen. Bartana, die in Tel Aviv und Amsterdam lebt, sieht ihre Heimat mit distanzgeschärftem Blick, als involvierte Aussenstehende: «Als Einwanderer wird man unweigerlich zum Amateur-Anthropologen», sagt sie und betont, dass in «Amateur» das Wort «Amor», die Liebe steckt. Oft zeigt sie die Menschen beim Begehen von Gedenk- und Festtagen, also im gesellschaftlich codierten Ausnahmezustand. «Staatlich organisierte Zeremonien oder militärische Feiern definieren die Tradition und prägen nationale Identität», so Bartana. «Mich interessiert die Dynamik des Staates, der eine bestimmte Anschauung diktiert, und des Individuums, das sich zu ihr bekennt.» Das oben beschriebene «Trembling Time» etwa wurde in Tel Aviv am Gedenktag für Gefallene in israelischen Kriegen gedreht, wenn beim Ertönen der Sirenen der Verkehr für eine Schweigeminute zum Erliegen kommt. In «Ad De´lo Yoda», 2003, sieht man einen jungen Mann, der beim Purim-Fest abseits steht und den rituell trinkenden Älteren zuschaut. «Low Relief II», 2004, zeigt eine gemeinsame Demonstration von israelischen und palästinensischen Jugendlichen, die von Soldaten begleitet wird. Gerade durch vermeintliche Beiläufigkeit offenbart der Film die schwelenden Aggressionen. Bartana zeigt Individuen, die in Ritualen aufgehoben sind - allgegenwärtig wie ein Schatten offenbart sich dabei noch im Persönlichsten auch Lenkungskraft sozialer Machtgefüge.

Until 
02.09.2006

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