Stan Douglas im Württembergischen Kunstverein und in der Staatsgalerie

Stan Douglas · Klatsassin, 2007, Videoinstallation, Still, © Stan Douglas

Stan Douglas · Klatsassin, 2007, Videoinstallation, Still, © Stan Douglas

Besprechung

Nicht unpassend würde man Stan Douglas als Archäologen der Gegenwart bezeichnen. In seinen ausgefeilten Film- und Videoarbeiten und grossformatigen Fotografien gräbt der kanadische Künstler in der Vorgeschichte der Moderne und stellt ihre gern ausgeblendeten dunklen Aspekte ins Licht. Eine grosse Retrospektive in Stuttgart präsentiert mit 14 Film- und Videoinstallationen sowie mehr als 120 Fotografien annähernd Douglas' gesamtes bisheriges &#140uvre.

Stan Douglas im Württembergischen Kunstverein und in der Staatsgalerie

Für die Werkschau hat sich der Württembergische Kunstverein mit der nur einige Gehminuten entfernten Staatsgalerie Suttgart zusammengetan. Wer die menschenleeren Fotografien sieht, in denen Douglas (*1960) mit nüchtern dokumentarischem Gestus die urbanen und landschaftlichen Schauplätze seiner Filme und Videos umkreist, würde kaum vermuten, dass sie vom selben Künstler sind wie diese: In ihrem taghellen Realismus sind sie von der Ästhetik und schattenhaft verdüsterten Bildsprache der Filme und Videos meilenweit entfernt. In letzteren greift Douglas häufig auf historisches Material wie Schwarzweissfilme oder veraltete Medien und Ästhetiken wie den Stummfilm und vergangene Fernsehformate zurück.
Douglas? Arbeit zielt auf eine kritische Revision der westlichen Geschichte und Gegenwart, wobei sein besonderes Interesse dem neuzeitlichen Aufbruch in die ?Neue Welt? gilt. Die Figuren seiner Filme und Videos lassen sich als symbolische Wiedergänger eines im Zuge imperialer Historie verdrängten Fremden lesen, wie sie die westliche Kultur von der Schauerromantik bis zum Horrorfilm bevölkern. Nicht selten zitieren die bewegten Bilder filmische oder literarische Vorlagen, die, durch Eingriffe verändert, die Verdrängungsgeschichte des Fremden reflektieren.
Vieldeutig und enigmatisch sind viele seiner in endlosen Loops in sich kreisenden Geschichten ? selbst noch eine Arbeit wie der Sechsminüter ?Win, Place or Show? von 1998 mit seiner scheinbar handfesten Story, die, freilich auf einer sehr vordergründigen Ebene, die Auswirkungen des sozialen Wohnungsbaus in Vancouver zum Gegenstand hat. Die Vieldeutig- und Vielsinnigkeit verdankt sich oftmals komplex verästelten Plots mit wandernden Motiven und wechselnden Perspektiven. In einigen Arbeiten resultiert sie überdies aus dem von Douglas entwickelten ingeniösen Verfahren der Rekombination. Dabei führt die Montage verschiedener Film- und Tonsequenzen durch Zufallssteuerung eines Computers zu immer neuen Arrangements ? in ?Win, Place or Show? sind es über 200.000 mögliche Kombinationen, was einer Gesamtlaufzeit von über 20.000 Stunden entspricht. In den permutativ diversifizierten Handlungsabläufen und Dialogen aber löst sich so etwas wie Sinn weniger auf, als dass er im Verlust von Einstimmigkeit eine schier unglaubliche Komplexität entfaltet.

Until 
05.01.2008

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