Jeremy Deller, «D'une révolution à l'autre»

Jeremy Deller · Ausstellungsansicht, 2008

Jeremy Deller · Ausstellungsansicht, 2008

Besprechung

Wie archiviert man unbändige Kreativität? Jeremy Deller versammelt im Pariser Palais de Tokyo Möglichkeiten der musealen Untersuchung und angemessenen Aufbewahrung von menschlichem und allzumenschlichem Gestaltungswillen. Autotuner und Entwickler elektronischer Musikinstrumente inbegriffen.

Jeremy Deller, «D'une révolution à l'autre»

Selten sagt schon der Grundriss so viel über eine Schau aus: Vor Betreten der Ausstellung «D'une révolution à l'autre» des Briten Jeremy Deller (*1966) erfährt man, dass man in mehrere Seitenstrassen einbiegen wird; danach weiss man, dass man diese in künstlerischer Hinsicht erstmals befahren hat - eine Befreiung für jeden zuparkierten Kunstbegriff.
Genaugenommen ist schon die Hauptallee der Schau eine Nebenstrasse der Gegenwartskunst: Sie ist Dellers «Folk Archive» gewidmet, einer Sammlung von Beweisstücken für die Kreativität der britischen Bevölkerung, die 2005 bereits in der Kunsthalle Basel gezeigt wurde. Hier haben wir Pop Art, die nicht nach Studio, sondern nach Strasse, bisweilen nach Dorf, riecht: Vom Nachstellen der französischen Revolution durch eine Patisserie-Belegschaft bis zum Auto-Aufmotzen ist hier alles archiviert. Während uns hohe Künstler wie Büchel an alltägliche und trashige Exponate gewöhnt haben, überrascht hier der subversive Humor - auf dem getunten Opel Corsa liest man etwa «Sexual Inter Corsa». Auch wenn der Gag oft rasch verpufft, hallt doch der sprudelnde Einfallsreichtum nach.
Eine andere französische Revolution - mit Gitarre statt Guillotine - ist im ersten Seitenarm Thema: Auf Fotowänden wird gezeigt, wie im Pariser Lokal «Golf Drouot» ab 1962 der Siegeszug progressiver Musik in Frankreich gefeiert wurde. Die nächste Nebengasse führt zurück in die Zeit, als die Grundsteine für elektronische Musik erst gelegt wurden: Im Russland der Zwanzigerjahre jagten sich utopische Erfindungen, die den Musikbegriff ähnlich ausweiten sollten, wie es das «Folk Archive» heute für die Kunst allgemein tun könnte. Gar die Kurve zur Thesenkunst kriegt Deller schliesslich noch mit der letzten Seitenstrasse: In durchdachten Grafiken sucht er den Bezug der industriellen Revolution in England zum Pop und findet ihn in der Gleichzeitigkeit der erfolgreichen Ziggy Stardust-Tour von David Bowie mit Docker-Streiks.
Die museale Präsentation vor allem der Seitenäste erinnert nicht zufällig an herkömmlichere Ausstellungshäuser mit herkömmlicherem Kunstbegriff: Deller, Träger des Turner Prize 2004, zeigt damit, dass er es ernst meint mit seinem demokratischen, auch genreübergreifendem Kunstansatz. Die Gretchenfrage ist die nach der im Werk - das kann auch ein Musikinstrument oder ein Popclub sein - verbauten Kreativität. Und dass diese Frage manches in altgedienten Häusern Gezeigtes durchaus in Verlegenheit bringen kann.

Until 
03.01.2008

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