Digitales Projekt des Monats/Curator's Choice - Eva und Franco Mattes

Eva und Franco Mattes · My Generation, 2010, Video-Collage mit Filmen von Jugendlichen, die ausflippen während sie Videogames spielen. Die Filme laufen auf einem alten, kaputten Computer (der immer noch läuft), oben: Ausstellungsansicht plug.in Basel; unten: Videostill

Eva und Franco Mattes · My Generation, 2010, Video-Collage mit Filmen von Jugendlichen, die ausflippen während sie Videogames spielen. Die Filme laufen auf einem alten, kaputten Computer (der immer noch läuft), oben: Ausstellungsansicht plug.in Basel; unten: Videostill

Hinweis

Digitales Projekt des Monats/Curator's Choice - Eva und Franco Mattes

Wer sagt, dass Spiel und Ernst Antonyme sind? Dass physische und virtuelle Realität an zwei entgegengesetzten Polen einer Achse anzusiedeln sind? Das Gegenteil ist wahr, wie Eva und Franco Mattes uns mit ihrer Arbeit ‹My Generation› beweisen. Kinder und Jugendliche spielen an ihren elektronischen Geräten und verlieren dabei in angsteinflössender Weise die Kontrolle.
‹My Generation› hat zwei Erscheinungsformen: eine installative im Raum und eine lineare auf dem Internet. Im Ausstellungsraum treffen wir auf einen am Boden liegenden zerschmetterten Computer, Plastikteile und Tastatur-Tasten liegen verstreut um das zerbeulte Gehäuse. Auf dem Bildschirm läuft jedoch munter das Video, das online abrufbar ist: eine Collage aus Youtube-Hit's von gamenden Kindern und Jugendlichen.
Kollegen oder die Eltern haben die Kamera auf die Jugendlichen gerichtet und zeichnen dramatische Episoden von deren Spiel-Szenen am Computer auf. Den Spielenden will es nicht gelingen, so wie es sollte. Die Reaktion auf den schlechten Spielverlauf findet dann aber nicht im Spiel, nicht online statt, sondern schwappt gewissermassen aus dem Computer heraus in die physische Welt der Gamer über: In ihrer Enttäuschung oder panischen Wut attackieren sie ihre Rechner, schreien unkontrolliert, werfen mit ihren Geräten um sich. Ein Jugendlicher wälzt sich verzweifelt auf dem Bett, weil seine Mutter sein WOW-Account abgestellt hat, während der kleine Bruder eine Kamera aufgestellt hat, um die Szene zu filmen.
Einige der Videos, die es auf Youtube zu einiger Bekanntheit brachten, erwiesen sich im Nachhinein als gestellte Aufnahmen. Die Jugendlichen zeigen dabei beeindruckendes schauspielerisches Talent. Tatsächlich ist kaum mehr zu unterscheiden, was echt und was gespielt ist, und - so meine These: Es spielt auch keine Rolle. Ist es der reale Schock, den die Jugendlichen durch das virtuelle Spiel erleiden? Ist es die täuschende Echtheit oder die echt hergestellte Verzweiflung, die uns in Bann hält?

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