Carsten Höller im Museum für Gegenwartskunst

Carsten Höller · Tauben, 1992
Ausgestopfte Tauben, Leder;
Courtesy Museum für Gegenwartskunst Basel

Carsten Höller · Tauben, 1992
Ausgestopfte Tauben, Leder;
Courtesy Museum für Gegenwartskunst Basel

Besprechung

Mit einer Rennbahn, Videos und Anleitungen zuirritierenden Spielen fordert Carsten Höller den Besucher auf, die Dinge des Alltags etwas anders zu sehen – und entlässt ihn schliesslich in eine «Neue Welt».

Carsten Höller im Museum für Gegenwartskunst

Was wäre, wenn?, die Frage ist Programm in der aktuellen Ausstellung von Carsten Höller (*1961) im Basler Museum für Gegenwartskunst. Visuelles Zentrum der Schau ist eine Art Rennbahn, die im Eingangsbereich des Museums inszeniert ist: Flanke an Flanke stehen sechs Gefährte bereit, Linien und Zahlen am Boden sorgen für Ordnung in der Startbox und über der Eingangstür ist mit Leuchtbirnen das Ziel markiert, es heisst «Neue Welt». Die Gefährte funktionieren nach dem Prinzip des Flugs auf der Kanonenkugel: Der «Kreisel» auf Startposition eins zum Beispiel wird durch mehrfach gedrehte Gummibänder in Fahrt gebracht und Nummer sechs startet in einer bayrischen Lederhose, die von Lachmöwen durch die Luft gezogen wird. Ein Wettrennen mit diesen tollkühnen Kisten würde vermutlich zu einer Massenkarambolage kurz nach dem Start führen – sollte es aber dennoch einem der Gefährte gelingen, durchs Ziel und damit aus dem Museum hinaus zu rasen, dann wären draussen die Gesetze der Schwerkraft wohl plötzlich durch die der Vorstellungskraft ersetzt – und die «Neue Welt» wäre damit ausgerufen.Gesetze sind auch im Video «Hofmann» ausser Kraft gesetzt: Höller hat die vom Erfinder des LSD beschriebene Radfahrt nach einem Selbstversuch mit der Droge im April 1943 verfilmt und eine surreale Geschichte daraus gemacht. Im dritten Teil der Ausstellung schliesslich erfährt der Besucher auf Tafeln, wie er selbst die Welt ein wenig durcheinander bringen kann: Der Künstler gibt hier Anleitungen zu recht eigenartigen Spielen. Im «UFO-Spiel» etwa soll man laut «UFO!UFO!» rufen und dabei aufgeregt in den Himmel zeigen während man beim «kindischsten Spiel aller Zeiten» einem Bekannten, der gerade rückwärts in eine Parklücke einzuschwenken versucht, plötzlich «Peng» ins Ohr brüllt. Auch Empfehlungen für Gruppenspiele gibt es, die jede langweilige Abendgesellschaft im Nu zur närrischen Party antreiben.Mit seiner Frage «Was wäre, wenn?» und seinen Aufforderungen so zu tun «als ob», richtet sich der Künstler oft sehr direkt an den Betrachter, appelliert an seine Einbildungskraft und fordert ihn damit auf, etwas auf eine bestimmte Weise zu tun oder zu sehen. Die dadurch provozierten Wahrnehmungsverschiebungen beschränken sich aber bei Höller keineswegs aufs Museum: Wir lernen nämlich in seiner Ausstellung eine Vielzahl von Tricks, mit denen wir unsere alltägliche Umgebung tatsächlich etwas anders sehen oder unser gewohntes soziales Umfeld gelegentlich irritieren können. Verlassen wir schliesslich durch das Zieltor das Museum, dann treten wir wirklich in eine etwas «Neue Welt» ein, weil Höller uns mit der Zuversicht versieht, dass wir sie ein wenig neu machen können. Katalogmappe Fr. 40.–. Spiele Buch Fr. 77.–. Eine weitere Ausstellung in der KunsthalleSt. Gallen bis 7.2


Until 
06.02.1999
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Carsten Höller 17.10.1998 to 07.02.1999 Exhibition
Author(s)
Samuel Herzog
Artist(s)
Carsten Höller

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