Sophie Calle in der Site Gallery und der Graves Art Gallery

Sophie Calle · Le régime chromatique, 1998

Sophie Calle · Le régime chromatique, 1998

Besprechung

Ein cleverer Coup erlaubt es Sophie Calle, einen repräsentativen Querschnitt durch ihr Schaffen zu zeigen, ohne dies Retrospektive zu nennen. Sie bedient sich dafür Paul Austers Roman «Leviathan». Keine willkürliche Entscheidung, denn Calles Arbeitsweise diente bereits Auster als Inspirationsquelle für seine Romanfigur Maria Tucker.

Sophie Calle in der Site Gallery und der Graves Art Gallery

Maria Tucker ist eine Künstlerin, deren Arbeiten sowohl identisch mit Calles Aktionen in «L’hôtel» oder «Suite vénitienne» sind als auch Fiktionen, die aus der Ideenwelt des Autors Paul Auster stammen. Sophie Calle bediente sich nun dieses Konglomerats als Arbeits- und Ausstellungsvorlage für «Double games» (die zuvor unter «Doubles-jeux» imCentre National de la Photographie in Paris gezeigt wurde).In «Le régime chromatique» verwandelt Calle beispielsweise Austers Gedanken, in der jeden Tag nur Nahrungsmittel einer bestimmten Farbe zu sich genommen werden, in ein rein ästhetisches Vergnügen. So gibt es einen Tag mit rosaroten Speisen, die auf rosa eingefärbtem Fotopapier und einer Tages-Menükarte sichtbar werden sowie einen gelben Tag, einen grünen usw. Ebenso verhält es sich mit den Arbeiten, in denen Calle, frei nach Auster, jeden Tag unter einem bestimmten Buchstaben lebt. Anhand von Wörterbucheintragungen unter dem Buchstaben W verbringt sie einen Tag mit den zu Objekten gewordenen Wörtern. So fährt sie während eines Weekends in einem Wagons-lits-Abteil nach Wallonien und hat u.a. Bücher wie «Le Western» und eine Whiskyflasche bei sich. Text und Fotografie zeugen davon.Im Vergleich mit Sophie Calles früheren Arbeiten, in denen Aspekte wie Spionage oder fetischisierende Besetzungen immer wieder auftreten, bleiben diese Arbeiten jedoch auf der Oberfläche und sind nichts weiter als ästhetisch reizvoll. Vielleicht liegt das Geheimnis in der sonst omnipräsenten Verführung. Nach Baudrillard hat die Verführung eigene Spielregeln, die nie ausgesprochen werden dürfen, und endet kurz bevor sie sich in der Wirklichkeit vollendet. Diese Bedingungen werden in den neuen Arbeiten von «Double Games» gebrochen. Die Fiktion, die sich in Austers Roman bestens eingliederte, verliert im realen Vollzug an Wirkung. Denn die bereits existierenden Arbeiten tragen immer ein unvorhersehbares Gefahrenpotential in sich. Die Lüftung des Geheimnisses von Calles Spielregeln würde ihren künstlerischen Arbeitsprozess beenden. Genau diese Komponente fehlt den Arbeiten, die in der Verwirklichung der Fiktion ihre inhaltliche und emotionale Komplexität verlieren. Gleichzeitig ist dies aber auch die Crux des Konzepts, das als Rahmenhandlung äusserst interessant ist, aber in der detaillierten Ausführung an Spannung verliert. Die mehrteilige, kleinformatige Publikation in Bonbonfarben zur Ausstellung ist, im Vergleich zu den hoch im Kurs stehenden, kiloschweren Retrospektive-Katalogen, eine Wohltat. Sophie Calle, Doubles-jeux, Actes Sud, 7 Bd., FF 278. Sheffield bis 30.1. Anschliessend vom 12.2. bis 28.3. im Camden Arts Center, London.


Until 
29.01.1999
Author(s)
Doris Berger
Artist(s)
Sophie Calle

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