Can you hear me? 2. Ars Baltica Triennale der Fotografie im Kunst Haus

Academic Training Group · Caught in Lithuania, 1997–98

Academic Training Group · Caught in Lithuania, 1997–98

Torbjørn Rødland · Untitled, 1997, c-print, 50 x 40 cm; beide Fotos: D. Bienert

Besprechung

Die Prägung nationaler Eigenheiten spielt für junge Künstler keine Rolle. Ihre Bezüge sind grenzüberschreitend. Das heisst nicht, dass kulturelle, an Herkunft gebundene Erbschaften verschwinden. Sie sind aber desto schwieriger zu erschliessen, je universaler die medialen Formvorgaben werden. Zu diesen gehört Fotografie.

Can you hear me? 2. Ars Baltica Triennale der Fotografie im Kunst Haus

Sie wird auch für Werbeinteressen und Dokumentationen eingesetzt und ist neben öffentlichen Zwecken das populärste Bildmedium der Privatarchive. Deshalb bietet sie den grösstmöglichen internationalen Rahmen mit den scheinbar geringsten Leseschwierigkeiten. Darauf beruht auch der Konsens der «Ars Baltica Initiative», die 1991 ins Leben gerufen wurde, um mit Wanderausstellungen den Wirtschaftsraum der Länder rund um die Ostsee (das Baltikum) als Kulturraum wechselseitiger Beeinflussung ins Bewusstsein zu rücken. Und es fällt leicht, die geografische Begrenzung der Ausstellung als Modus der Ordnung zu akzeptieren, gibt sie doch dem stets mit Beliebigkeit kämpfenden Medium einen kontrastiven Rahmen. Dafür spricht auch die Bemerkung des Kritikers David Levis Strauss im Katalog, Künstlern drohe die Verwandlung in «globale Dorftrottel», wenn sie sich nur noch auf «globale Formen stürzen, die zum grössten Teil banal oder inhaltslos sind».Die «Ars Baltica Initiative» glaubt, dass man sich am Besten darin unterscheidet, worin man sich gleicht. Deshalb hatte die Kuratorin Kathrin Becker die Vorgabe, nur Künstler aus den zehn Mitgliedstaaten zu beteiligen, die mit Fotografie umgehen. Die Werke der 21 Künstlerinnen und Künstler können sich sehen lassen, ohne zur Aussage, gar Repräsentanz für ihr Herkunftsland in die Pflicht genommen zu werden. Becker zeigt Fotoarbeiten von Künstlern, die sich bereits an die Netzwerke angeschlossen haben. Thomas Demand, Olafur Eliasson, Jens Haaning, Annika von Hausswolff, Peter Land, Vibeke Tandberg und Wolfgang Tillmans kommen aus fünf baltischen Ländern. Das zu wissen, spielt beim Blick auf ihre Arbeit eine marginale Rolle. Mit Ausnahme von Haaning/Land, die eine Video-Kooperation zeigen, erproben sie, inwieweit neben Werbe-, Dokumentations- und Privatzwecken noch andere Räume der Imagination zu erobern sind.Diese anderen Räume kommen nicht ohne die spezifischen Gegebenheiten des kulturellen Umfeldes aus, in dem die jeweilige Arbeit entstand, und worin sie sich zuallererst durchsetzen musste, um überhaupt in den Radius einer länderübergreifenden Schau zu gelangen. Für Wolfgang Tillmans stellten sich nicht nur andere Verführungen und Herausforderungen, sondern auch andere Möglichkeiten als für Torbjørn Rødland in Norwegen oder für die Academic Training Group in Litauen. Der medienspezfischen Verbindung von subjektivem Sehen und objektiver Aufzeichnung fügt sich die Handlungsmöglichkeit des Autors in unterschiedlichen Kontexten hinzu. Dabei ist der überlegte und pragmatische Umgang von Tillmans der Fluchtpunkt der ganzen Schau. Zwar gilt er als Protagonist des Cross-over von Mode, Kunst und Tribe-Style, doch er selber hält diese Bereiche getrennt. «Ich glaube nicht an die Verschmelzung von Kunst und Kommerz oder Kunst und Mode. Ich sehe da keinen Cross-over. Ich glaube nicht, dass dieses ganze Zeug in den Modemagazinen Kunst ist. Es ist Mode, Kleidung, Make-up, Styling und sollte Geltung auf diesen Gebieten beanspruchen, statt Kunst sein zu wollen.»Tillmans nutzt den Modekontext der Magazine als Vorwand, um andere Bilder einzuschleusen. Was für Cross-over gehalten wurde, war lediglich sein Geschick, Verteiler zu benutzen, die nicht auf Galerien und Kunsthäuser beschränkt waren.Auseinandersetzungen solcher Art gab es in Litauen, Lettland, Estland, Russland und Polen bis vor kurzem kaum. Beckers Wahl der Bilder von Künstlern dieser Länder sind von Traditionen beherrscht, die sich in der Reportage und der Malerei entwickelt haben und nun auf Exklusivität setzen. Die Bilder, so wird suggeriert, haben sich von ihrer Herkunft emanzipiert. Anatoli Shuravlev fotografiert Bilder aus dem Fernsehen, macht sie zu klassisch gefassten Einzelbildern und verbreitet sie in Miniformaten (9 x 6 cm) so über die Wand, dass sie aus der Ferne als Farbgebilde erscheinen und aus der Nähe als eine Fülle goldener Schüsse. Der Farbrausch aus der Ferne konkurriert in der Nähe mit dem zur Ikone idealisierten Einzelbild: russischer Konstruktivismus im Kontext von heute. Die Academic Training Group verbindet in einer Dia-Show Reportage und Fiktion, kleidete eine muslimische Familie in die landesübliche Kleidung Litauens und dokumentiert das andere Aussehen der Träger in Gewändern der Wahlheimat. Unklar, ob die Szenographen die Migranten als exotisch oder akkulturiert darstellen. Das kann beurteilen, wer Litauens Blick in die Welt kennt. Torbjørn Rødland hatte vor Jahren begonnen, einen jungen Mann in schwarzer Kleidung mit Plastiktüte als Rückenfigur inmitten der nordischen Wälder zu fotografieren und den Bezug zu C. D. Friedrich verdeutlicht. Nun sammelt er Szenen mit Klischeeverdacht: einen Hochsitz im tiefgrünen Wald im ersten Strahl der Sonne oder ein Mädchen auf einem Steg im Abendlicht. Bisweilen lässt sich von einem Werk auf die kulturelle Diskussion eines Landes schliessen. Die beauftragte Kuratorin betont vorschnell, die Bewahrung eines kulturellen Erbes sei obsolet. Solange sich Länder von der Kunstproduktion Zeugnisse zur Selbstdarstellung erhoffen, fördern sie Ausstellungen. Sie segeln unter der Fahne der finanzierenden Länder und tragen die Fracht der Geschichte einzelner Personen, nicht von korporativen Unternehmen. Denn was treibt die Fotografen zum nächsten Bild? Imitation von Authentizität und Suche nach Bildern, die sich einprägen, weil sie zeigen, was nicht gesagt werden kann – entweder als Fiktion oder als Selbstausdruck. Daraus lässt sich vage eine Kulturdiagnose ableiten. Mit Katalog.


Until 
28.10.2000

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