On Kawara im Centre d’Art Contemporain

On Kawara · May 19, 1991, aus der Today-Serie, Courtesy Hiroko and
On Kawara

On Kawara · May 19, 1991, aus der Today-Serie, Courtesy Hiroko and
On Kawara

Besprechung

1974 zeigte Johannes Gachnang in
der Kunsthalle Bern fast die gesamte künstlerische Produktion des Jahres 1973 von On Kawara. Es war die erste grössere Ausstellung des japanischen Konzeptkünstlers überhaupt. Unter dem Titel «Consciousness. Meditation. Watcher on the hills» ist nun – zusammengestellt von der Ikon Gallery in Birmingham und vom Consortium in Dijon – im Genfer Centre d’Art Contemporain erneut eine bedeutende Auswahl seiner Werke zu sehen.

On Kawara im Centre d’Art Contemporain

Wer meint, in Genf einen «neuen» On Kawara zu entdecken, kennt On Kawara nicht. 1966 hat er angefangen, fast täglich ein Bild auf Leinwand zu malen, auf dem vor einem monochromen Grund in weisser Farbe das Datum des betreffenden Tages steht. Damit aufgehört hat er nie. Wie im Katalog der Ausstellung «Westkunst» (Köln 1981) zu lesen ist, soll er 1968 gesagt haben: «Dies ist ein Spiel ohne Ende, ich spiele es weiter mit Vergnügen bis zu meinem Tod.» Aber ist es wirklich nur ein Spiel, dieses fast mönchische, meditative Ritual, das wie das unerbittliche Ticken einer Uhr die Zeit vergehen lässt? Jeden Tag Konzentration auf das Heute, das morgen schon gestern sein wird. Bei den 37 «Date Paintings», die in Genf ausgestellt werden, handelt es sich ausschliesslich um Sonntagsbilder. Ein Bild pro Jahr seit 1966, jeweils mit einem Datum, das auf einen Sonntag fiel. Die Bilder gleichen sich und sind doch nie gleich, denn das Datum ist immer in der Sprache und gemäss den grammatischen Regeln des Landes oder Ortes geschrieben, wo sich der Künstler gerade aufgehalten hat: 6. Dez. 1992; May 16, 1993; 31 Jul. 1994 etc. «Sundays of 100 Years» hiess schon der Titel einer Zeichnung aus dem Jahr 1964. Dargestellt ist ein einfacher Raster von horizontalen und vertikalen Linien, vergleichbar mit Werken von Agnes Martin aus derselben Epoche. Winzige Zahlen nur als Mittelstreifen, das Register ist sonst leer, vielleicht im Bewusstsein, dass ein, sein Menschenleben nicht ausreicht, Sonntag für Sonntag die Liste zu füllen.

Nicht bloss ein Leben ist kurz und flüchtig – die gesamte Evolution der Menschheit von den Anfängen bis in eine ungewisse Zukunft macht in On Kawaras zwanzigbändiger Publikation «One Million Years – Past» und «One Million Years – Future» nur wenige Seiten aus. Zwei Millionen Jahreszahlen, fünfhundert pro Seite, hat er getippt, von 998031 v.Chr. bis 1001980 n.Chr. Im Treppenhaus des Centre d’Art Contemporain sind sie gesprochen von einer Männer- und einer Frauenstimme als Toninstallation zu hören. Wenn die Menschen die Zahlen erfunden haben, um Raum und Zeit zu messen, dann könnte man On Kawaras Werk als eine Art nummerische Schöpfungsgeschichte bezeichnen. Die Vergangenheit hat er all denen gewidmet, die gelebt haben und gestorben sind, die Zukunft «For the last one». Soweit sind wir noch nicht. «I am still alive» schreibt er jeweils auf die Telegramme an seine Freunde und Bekannten.

Until 
28.06.2003

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