Lois und Franziska Weinberger im Kunstverein

Lois u. Franziska Weinberger · Bewegliche Landschaften, 2003, Aluminiumwagen, Trockenrasen- und Waldsaumbepflanzung, Text: europäische Orts- und Städtenamen, welche nur Personen mit persönlichem Bezug vertraut sind, Courtesy Raum aktueller Kunst Martin Janda, Wien, Foto: Paris Tsitsos, Wien

Lois u. Franziska Weinberger · Bewegliche Landschaften, 2003, Aluminiumwagen, Trockenrasen- und Waldsaumbepflanzung, Text: europäische Orts- und Städtenamen, welche nur Personen mit persönlichem Bezug vertraut sind, Courtesy Raum aktueller Kunst Martin Janda, Wien, Foto: Paris Tsitsos, Wien

Besprechung

Mit der Teilnahme an der documenta X 1997 wurde der österreichische Künstler Lois Weinberger schlagartig einem grossen Publikum bekannt: Als Akteur einer politisch-poetischen «Feldarbeit», der auf stickstoffreichen Schuttplätzen ruderale Pflanzengemeinschaften ansiedelt, um sie als «perfekte Provisorien» sich selbst zu überlassen. In Hannover werden jetzt Projekte der letzten zehn Jahre gezeigt und Verbindungen zu Arbeiten der siebziger und achtziger Jahre geknüpft.

Lois und Franziska Weinberger im Kunstverein

Dass Franziska Weinberger bei dieser Ausstellung erstmals und quasi retrospektiv als gleichberechtigte Produzentin firmiert, dokumentiert einmal mehr die Prozesshaftigkeit, in der diese Arbeiten entstanden sind und fortbestehen. Dem Künstlerpaar geht es seit jeher nicht eigentlich um Garten- oder Landschaftskunst. In grundlegenderem Sinne interessiert sie das Keimende, das Tendenzielle, das latent Unkontrollierbare und Überschreitende in lebendigen Ordnungen. Natur ist in ihrem Werk zwar zentrale Kategorie, aber nie unmittelbar, sondern stets als menschliches Naturverhältnis, als Projektion, die den Deutenden mit einbegreift. Die Arbeiten sind oft insofern provisorisch, als sie Entwicklung, Wachstum, Zersetzung einschliessen. Texte werden als Handschrift auf Wand aktualisiert, Werke in Installationen neu konfiguriert, Fundstücke einbezogen. Wie ein «Anwehen und Wegfliegen», dabei immer wieder von der Frage bewegt: Was schreibt sich ein ins «Natürliche», während es für uns dazu wird? So wie die Praxis des Pflanzentransfers in «fremde» Territorien oder das in «präziser Achtlosigkeit» gehegte Ruderal sind letztlich alle Werkformen der beiden Künstler «Hülle und Schutzraum für nicht Formuliertes, das sich in einem flüchtigen, sich immerwährend veränderlichen Zustand befindet».

Für diese Haltung exemplarisch ist wohl jenes legendäre «Gebiet 1988–1999», das beide in Wien unterhielten: In dem 500 Quadratmeter grossen Garten siedelten sie über die Jahre eine Vielfalt von Ruderalpflanzen – «Unkraut» – an, vermehrten es, setzten es in Stadtbrachen wieder aus. Lois Weinberger nannte es einen «Paradigmenwechsel vom Eingreifen zum Dabeisein», der von Textnotaten, Zeichnungen und Fotos begleitet war. 1999 wurde das Areal aufgegeben, geblieben sind Sämereien, ein umfangreiches «Gartenarchiv» mit Dia-Aufnahmen und in Rollwagen umgebettete Pflanzen (Bewegliche Landschaft). Archiv und transportable Gärten bilden zentrale Ausgangspunkte der Schau, mit der Rauminstallation «Darwins Home» ist eine ganz neue Arbeit zu sehen. Ein weiterer Bereich versammelt Modelle, Tafeln, Fotos, Zeichnungen und Skizzen zu Arbeiten im öffentlichen Raum, unter anderem zum «Hiriya-Dump»-Projekt von 1999. An einer Aussenwand wird ein grossformatiges kartografisches Sprachbild gezeigt, ein imaginärer Stadtplan, von fremden Begriffsfeldern besetzt, durch die das Bild eines urbanen Gefüges in assoziativen Fluss gerät. Vom 14.12. bis 15.2. in der Villa Merkel, Esslingen; Künstlerbuch Euro 18.–.

Until 
29.11.2003

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