Kiki Smith in der Galerie Lelong

Kiki Smith · Pause, 2003, Courtesy Galerie Lelong, Zürich

Kiki Smith · Pause, 2003, Courtesy Galerie Lelong, Zürich

Besprechung

Neue, überwiegend grossformatige Arbeiten auf Papier und vereinzelte Skulpturen von Kiki Smith sind voller Ambivalenzen und wecken Assoziationen zu Leid, Trauer, Angst und Tod, aber auch zu Befreiung und Erlösung.

Kiki Smith in der Galerie Lelong

In der Ausstellung «me & more» im Kunstmuseum Luzern sieht man eine im Raum schwebende Skulptur einer Frau aus Papier und Mousselinestoff, 1999. Ihre oszillierende Existenz zwischen Tod, Künstlichkeit und aufglimmendem Leben lässt einen erschaudern. Mit dieser Figur hat sich Kiki Smith (*1954) von ihren früheren Skulpturen und Zeichnungen distanziert, welche innere Organe und hauptsächlich Menstruationsblut und Exkremente ausscheidende Frauen darstellten. Diese Arbeiten, die recht Ekel erregend sein konnten, verhalfen der New Yorker Künstlerin Anfang der neunziger Jahre zu internationaler Beachtung. Damit wies sie nicht nur auf die Diskrepanz zwischen den Wahrnehmungen unseres Körpers, insbesondere des weiblichen Körpers, und den gängigen Stereotypen von Körper und Sexualität hin, sondern enthüllte auch ontologische Verletzlichkeit und Stärke.

Dagegen zeigt die Ausstellung in der Galerie Lelong, dass die Inszenierungslust einer dermassen bedrängenden Körperlichkeit für Kiki Smith mittlerweile an Wichtigkeit verloren hat. Hier dominieren neben vereinzelten Skulpturen feine Beistift- und Tuschezeichnungen, die sich auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur wie auch auf Mythen, Märchen und christliche Motive beziehen. So erzählt fast jede Zeichnung von der Begegnung einer alternden Frau mit einem Tier, sei es mit einem Reh, einem Löwen, einem Tiger oder einem Wolf. Das Sujet der Frau mit Wolf knüpft an die Zeichnungen «Gang of Girls and Pack of Wolfs», 1999, an, welche die Ausbeutung der Natur wie auch das Verhältnis von Mensch und Tier thematisierte. In der jetzigen Ausstellung ist das Verhältnis zwischen der Frau und den Tieren respektive den verschiedenen Aspekten der «Anima» sehr ambivalent. Man weiss nicht, ob sie angesichts der sie angreifenden, beissenden oder überwältigenden Bestien Angst, Lust oder beides empfindet, denn die Angriffe können auch verspielt oder erotisch gedeutet werden. Die Figur der Frau ist oft sehr ungelenk, dünn und unplastisch gezeichnet, während die Tiere in ihrer Geschmeidigkeit und Kraft sehr überzeugend wirken. Eine Vereinigung zwischen Frau und Tier wird in den Statuetten zelebriert, deren Materialität – unglasiertes Porzellan – diese Wirkung noch steigert. Mit der Vereinigung einher geht auch das Motiv der Befreiung, das in Form eines Vogels metaphorisiert ist, der aus einem geöffneten Mund zu entfliehen scheint. Ein Gleichnis für die Erlösung der Seele klingt in den Blättern «Roses and Birds» an, und sie versinnbildlichen gleichzeitig den drängenden Wunsch von Kiki Smith «das Elend dieser Welt mit Rosen zu überdecken». Mit Katalog SFr. 30.–.

Until 
07.11.2003

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