Anselm Reyle in der Galerie Giti Nourbakhsch

Anselm Reyle · Ohne Titel, 2005, Bronze verchromt

Anselm Reyle · Ohne Titel, 2005, Bronze verchromt

Besprechung

Anselm Reyles Arbeit ist von einem disparaten Umgang mit Gattungen und Stilen gekennzeichnet. Kern- und Ausgangspunkt ist die Malerei: Gezielt schöpft er aus dem Genre-Fundus moderner Abstraktion und bringt so unterschiedliche, ja gegenläufige Richtungen wie Informel, Op-Art oder Hardedge in überraschende Wiedervorlage und irritierende Gleichzeitigkeit. Reyle arbeitet auch mit Skulptur und Fundobjekten, die er phosphorisierend bemalt oder mit farbigem Licht kombiniert und mit Malerei zu offenen Raumensembles verbindet. In der aktuellen Einzelschau «Life Enigma» spitzt er das Verfahren zu auf monumentalisierte Reduktion.

Anselm Reyle in der Galerie Giti Nourbakhsch

Eine Skulptur. Ein Bild. Nicht mehr. Die denkbar schlichte Inszenierung setzt ganz auf die Präsenz bloss zweier Exponate und weiss sie darin noch zu steigern. Vom Blickpunkt des Eintretens in die Galerie aus verklammert Reyle die Werke zur Figur-Grund-Konstellation: Die 245 Zentimeter hohe verchromte Bronze-Plastik steht zentral im Raum, das grosse vertikale Streifenbild nimmt mit 375 mal 303 Zentimetern die Stirnwand ein und gibt so auch den Hintergrund ab für die Skulptur (beide «ohne Titel», 2005). Werke und Inszenierung sprechen die Sprache einer heroischen Moderne, rühren auch an unbestimmt Sakrales - allein im Tonfall sind sie dann erstaunlich glatt und unpathetisch. Solche Friktionen spielt Reyle stets mit grossem Raffinement aus. Und doch ist die Entzauberung einer einstmals hehren Abstraktion zum Musterfundus für die Gegenwart hier nicht einmal die halbe Wahrheit: Reyle geht es erkennbar nicht um Appropriation aus postmodern-ironischer Distanz, erst recht nicht um Wiederbelebung vergangener Formate. Er verfolgt einen interessanten dritten Weg, indem er jene Bildsprachen, die er wortwörtlich an die Oberfläche holt, auch ernst nimmt, sie in der Spiegelung sich anverwandelt, aber auch verfremdet. Wenn Reyle in früheren Bildern etwa den schnellen, frei stehenden Gestus eines Karl Otto Götz in Violett-, Rot- oder Grüntönen und mit Neonfarben revitalisierte, steckte darin mindestens so viel Behauptung wie Zitat, und so kann man es, mit einem Wort des Berliner Kritikers Knut Ebeling über gegenwärtige Malerei, in der Tat «als befreiend empfinden», wenn ein Künstler «Malerei als komplette Konstruktion beschreibt ? und dennoch an sie zu glauben vermag». Ähnliches verfolgt auch Reyle, und in seinen Formalisierungen ästhetischer Zweitverwertung hat er ? nicht nur in Bezug auf Malerei ? einen ganz eigenen Stil entwickelt.

Das zeigt sich einmal mehr in der aktuellen Schau. Die komplett verspiegelte Skulptur, deren fliessende Volumen an Arp, die quasihumane Form an Moore denken lassen, ist ihrem Ursprung nach nichts anderes als die extreme Vergrösserung eines Flohmarktfundstücks: ein Afrika-Souvenir, handgeschnitzte touristische Massenware, im Original kaum 15 Zentimeter hoch. Reyle knüpft damit auf neue Weise an seinen bisherigen Umgang mit dem Objet trouvé an. Die Verfremdung zielt in eins auf Virtualisierung und gesteigerte Präsenz. Im Ergebnis ist das Objekt verblüffend ungreifbar, die Skulptur stilistisch kaum recht zu verorten. Genau darauf beruht jedoch, übers Plastische hinaus, ihre genuine ästhetische Spannung. In vergleichbarem Zwischenbereich agiert die Malerei, die als seltsam effektgeladene Hardedge-Paraphrase auftritt. Im hybriden Formalismus inszeniert er das Bild als Spielfeld kompositioneller Zuspitzungen und diffiziler Farbkombinationen und lässt es so erneut in reine Malerei einmünden.

Jusqu'à 
17.06.2005
Auteur(s)
Jens Asthoff
Artiste(s)
Anselm Reyle

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