Pulheims eigensinnige Kunstprojekte

Christian Hasucha · Pulheimer Rochade, 1999

Christian Hasucha · Pulheimer Rochade, 1999

Kunst am Bau

Pulheims eigensinnige Kunstprojekte

Pulheim liegt ca. 12 km Luftlinie vom Kölner Dom entfernt. Es handelt sich um ein 53000 Einwohner umfassendes Städtchen, das erst 1975 anlässlich einer kommunalen Neugliederung entstand. Damals wurden vier bis dahin selbständige Gemeinden zur Stadt Pulheim zusammengefasst. Weil verkehrstechnisch gut erschlossen, siedelten sich zunehmend Zuzügler an, die aber, was Arbeit und Kultur betrifft, nach Köln orientiert sind. Pulheim, das auch architektonisch sehr heterogen auftritt, tut sich schwer, eine gesamtstädtische Identität zu entwickeln.

Vielleicht war es genau dieser undefinierte Hintergrund, der einzelne, mit Leidenschaft, Kompetenz und Durchhaltewillen versehene Personen inspirierte, ein doppelspuriges Kunst-Projekt zu entwickeln, das nun seit gut zehn Jahren läuft. In der Synagoge der Pulheimer Gemeinde Stommeln fing es an.

In diesem aus der Nazizeit unzerstört hervorgegangenen Gotteshaus wird seit 1991 auf Initiative des damaligen Kulturdezernenten Gerhard Dornseifer alljährlich eine künstlerische Intervention realisiert. Jannis Kounellis war der Erste, den man gewinnen konnte, seitdem lassen sich Jahr für Jahr internationale Künstlerinnen und Künstler auf die Synagoge mit ihren schwierigen Implikationen ein. Auf Kounellis folgte Richard Serra, später reihten sich Rebecca Horn, Rosemarie Trockel oder Richard Long u.a. ein und 2005 Sol LeWitt. Der amerikanische Künstler sperrte in seiner Arbeit "Lost Voices" die Synagoge durch eine Mauer ab, um - wie es im Katalogtext heisst - "die unüberwindliche Kluft zwischen Deutschen und Juden" zu zeigen.

Im Schatten dieses mit hoch dotierten Künstlerpositionen unschwer auch überregional von sich reden machenden Synagogen-Projekts entstand eine andere, mit weniger prominenten Namen geschmückte Reihe, die aber für Pulheim vielleicht von grösserer Bedeutung ist.

Seit 1998 läuft "Stadtbild. Intervention". Alljährlich lädt die Kulturabteilung einen Künstler oder eine Künstlerin ein, im öffentlichen Raum der Gemeinde eine Arbeit zu realisieren. Geld war zunächst zwar keins vorhanden, aber man zwackte es beim allerdings auch sehr bescheidenen Budget für die Synagoge ab. Angelika Schallenberg, welche in die Fussstapfen des früh verstorbenen Kulturdezernenten getreten ist und über das Synagogen-Projekt zur Kunst gelangte, führt die von ihr ausgewählten Künstler in Pulheim herum, zeigt ihnen die Stadtteile, die Vorzeigebauten wie Synagoge oder Abtei, aber auch die Neubaugebiete, die Kläranlage, den Sportplatz. Schallenberg ist keine ausgebildete Kuratorin, hat keinen Kulturmanagement-Kurs absolviert. Ihr Vorgehen ist unmittelbar und direkt. Sie kennt die Arbeiter, welche die Strassen pflastern, lädt die Einwohner und die Fraktionsvorsitzenden zu Informations-Frühstücken ein und hört, was die FussgängerInnen über die Interventionen schwatzen. "Ich frage nicht mehr, was möglich ist, ich versuche, es zu realisieren", teilt sie mit, "ich mute der Öffentlichkeit das jetzt zu."

1999 beispielsweise realisierte der Künstler Christian Hasucha die "Pulheimer Rochade". Als sei die Welt eine Bildoberfläche, deren Pixel man beliebig verschieben kann, tauschte er zwei 25 qm grosse Bodenstücke aus: ein Stück Boden von der Realschule in Pulheim gegen ein gleich grosses aus dem Abteivorplatz in Braunweiler, hier die Parkplatzmarkierungen, der Abfallkübel und der billige Jägerzaun, dort die Kopfsteinpflasterung aus geschnittenem Naturstein und die teuren Poller. Die Braunweiler, die sich anlässlich der städtischen Neuaufteilung als benachteiligt empfinden, sagten: "Jetzt nimmt man uns auch noch unser Pflaster weg." Hasucha hatte offensichtlich in der Wunde der alten Dorfneurosen gerührt, seine Arbeit löste erneut Diskussionen über die Positionen der Ortsteile aus. Zudem führte Hasucha öffentlichen Raum als gestalteten vor, als Bildoberfläche, die eine Bedeutung hat, die jemand macht und mit Zeichen besetzt und die gelesen und interpretiert werden kann.

Mit dieser Lesbarkeit oder Lesbarmachung des Stadtbildes Pulheim haben viele weitere KünstlerInnen der Reihe operiert. 2003 liess sich Hans Winkler für eine Woche als regulärer Arbeiter im städtischen Bauhof einstellen. Er fügte sich demonstrativ, allerdings am untersten Ende der Verwaltungshierarchie, in jene Strukturen ein, welche das Stadtbild prägen, war "im Auftrag" - so der Titel des Projekts - der Stadt tätig, um Poller, Abfallkörbe oder Verkehrsschilder aufzustellen. Nicht die einzelne Intervention durch ein Künstlersubjekt ist entscheidend, sondern das Mitwirken an den grundsätzlichen Strukturen. Nicht die grosse Geste bewirkt Veränderung, sondern das sich einschreibende Eingreifen.

Auch die Düsseldorfer Künstlerin Andrea Knobloch, welche 2004 das Projekt "Blume" realisierte, bezog sich auf die sichtbare Oberfläche der Stadt, die sie als Bild deklarierte, das man neu malen kann. Knobloch war wie anderen KünstlerInnen die Separierung des Stadtraums aufgefallen, private und städtische Eigentümer stecken besitzstandsmarkierend ihre Flächen durch diverse Markierungen wie Zäune, Poller oder verschiedene Pflasterungen ab. Um diese Grenzziehungen zu überwinden, liess Knobloch mit der Pulheimer Wochenzeitung Samen von rotem Mohn verteilen und forderte die Pulheimer auf, den Samen überall auszusäen, damit die Stadt, wenn der Mohn blühe, ein einheitlicheres Bild darstelle. Mit dieser "Malaktion" einher gingen zahlreiche kommunikative Anlässe, vom bürgermeisterlichen Startschuss für die Aussaat bis zum Fotowettbewerb. Pulheim wurde als soziales Bild-Gefüge vorgestellt, das in gemeinschaftlichem Handeln verändert werden kann.

Es gehört Mut zur Realisation derartiger Projekte, weil sie kaum repräsentativ, sondern kritisch und häufig schwierig sind. Hinzu kommt, dass Pulheim Provinz, Vorstadt ist. Die Interventionen können an keinen schützenden Rahmen andocken, kein renommiertes Museum, keine diskursprägende Hochschule stehen dahinter, noch verschaffen klingende Kuratorennamen Respekt. Umso wichtiger war und ist die öffentliche Fürsprache des Bürgermeisters, des Rates und auch die Geneigtheit der Presse. Über beider produktive Begleitung konnten sich die Interventionen freuen, denen es so gelang, sich selbst zu einer Institution zu entwickeln, zu einem Kontext, der die Durchführung vieler Projekte erst möglich macht. Über die Jahre und fast in den Alltag integriert, wurden nicht nur Prozesse in Gang gesetzt, die so etwas wie eine Pulheimer Identität herstellen, zudem wurde ein kulturelles Verständnis, eine Lust auf die nächsten Interventionen aufgebaut.

Ab März 2006 wird Santiago Sierra die Synagoge bespielen, im Herbst der Bremer Künstler Achim Bitter Sperrmüll ausstreuen. Warum demnächst keinen Abstecher nach Pulheim machen? Infos bei angelika.schallenberg@pulheim.de

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