John Armleder im Y8

John Armleder · 12345678910111213141516171819-2021222324252627282930313233343536, Installationsansicht Y8, Internationales Sivanda Yoga Center

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Besprechung

Das Y8, ein «International Sivanda Yoga Center», mag als Ort für Ausstellungen zunächst irritieren. Seine Qualität liegt aber gerade darin, dass die Betreiber mit dieser Irritation arbeiten und fruchtbar umzugehen wissen. Die Konfrontation von Kunst und Yoga hat hier nichts Illustratives, eher stellt man Begegnungsfelder zwischen autonomen Sphären her. Zurzeit ist dort John Armleder mit einer verblüffenden Installation zu Gast.

John Armleder im Y8

Es ist kein gewöhnlicher Ausstellungsraum. Es ist auch kein herkömmliches Yoga-Zentrum - und ist doch beides: Kunst und Yoga werden von den Betreibern Benita-Immanuel Grosser aus verknüpfendem Impuls und bewusst als Spagat praktiziert. Nichts wird hier esoterisch verbrämt und verschmolzen: In der Konfrontation, nicht in irgendeiner Ideologie, kommen Kunst und Yoga aufeinander zu und produktiv zusammen. Die beiden ausgebildeten Yogi sind auch ein Künstlerpaar, haben beim Konzeptualisten Kosuth studiert und sind auf internationalen Ausstellungen vertreten. Das Verbindende beider Sphären beschreiben sie so: «Uns stellt sich die Frage, wie weit es möglich ist, sich von seinen eigenen Handlungen zu separieren. Teil des Systems zu bleiben, ohne von ihm vereinnahmt zu werden.» Darin klingt ein Geist von «Institutional Critic» ebenso an wie die Wahrnehmungsschulung durch Yoga-Praxis. Und es findet seinen Ausdruck etwa in ihrem Performance-Projekt «Participating, at the same time», mit dem sie seit 1995 in Ausstellungshäusern Yoga-Gruppensessions abhalten - im Angesicht der Kunst und mitten unter «ganz normalem» Publikum, 2004/05 etwa in der Kunsthalle und im Kunsthaus Zürich. Umgekehrt laden sie auch Künstler in ihre Räume ein, deren Installationen man dann als Ausstellungen anschauen kann, in denen aber auch reguläre Yoga-Kurse stattfinden: ein gezielter, manchmal provokanter Synergieeffekt. Künstlerinnen wie Katharina Grosse, Angela Bulloch oder Rita McBride haben hier schon Arbeiten gezeigt, nun hat John Armleder den Raum wahrhaftig auf den Kopf gestellt. Armleder, schon seit den Achtzigern ein Transformator des Trivialen, versteht sich bestens auf Verklärung des Gewöhnlichen, kreuzt Alltagsgegenstände mit Minimalismen, lädt beides an ästhetischem Glamour auf und schafft auf diese Weise hybride, raffinierte Werke, die zwischen Kunst, Design und Op-Art-Fancy-Trash flottieren und eingespielte Kategorien zum Schwingen bringen. Die Ausstellung im Y8 nennt er lakonisch «123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536» und konfundiert darin sakrale Signale: Den nach traditioneller indischer Vastu-Lehre in 36 Felder aufgeteilten Fussboden überstreicht Armleder komplett in dunklem Dukatengold, so dass Abgrenzungen zwar haptisch präsent bleiben, optisch aber aufgelöst werden. Dem streckt sich kopfüber ein wohlriechender Wald aus achtzig Nadelbäumen entgegen, der seit der Eröffnung langsam lichter wird. Die abgehängten Fichten sind tatsächlich überwiegend bürgerliche Weihnachtsreste - Anfang Januar war vor den Haustüren beste Erntezeit. Gold zu Füssen und Tradition auf dem Kopf: Geschickt jongliert Armleder hier mit traditioneller Symbolik. Und bleibt aufrichtig ironisch: Schliesslich ist das eine gebraucht und das andere nicht echt. Trotzdem, gerade deshalb fügt es sich zum wunderbaren Raumbild, in dem einem leicht werden kann.

Jusqu'à 
12.04.2006
Artiste(s)
John M Armleder
Auteur(s)
Jens Asthoff

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