Mai-Thu Perret in der Kunst Halle

MAI-THU PERRET · Land of Crystal, 2008, Ausstellungsansicht
Kunsthalle Sankt Gallen, Foto: Anna-Tina Eberhard

MAI-THU PERRET · Land of Crystal, 2008, Ausstellungsansicht
Kunsthalle Sankt Gallen, Foto: Anna-Tina Eberhard

Besprechung

Mit «Land of Crystal» gibt die fiktive Frauenkommune aus «The Crystal Frontiers» der Aussenwelt einen weiteren Einblick in ihre Aktualisierung utopischer Lebensentwürfe. Die narrative Rahmenhandlung wird allerdings zunehmend unwichtig. Umso mehr beanspruchen die Werke von Mai-Thu Perret Kunstimmanenz.

Mai-Thu Perret in der Kunst Halle

Die klare Gliederung der Räume macht «Land of Crystal» von Mai-Thu Perret einfach zu überblicken und hermetisch in der Wirkung. Dies wiederum verleiht den Räumlichkeiten der Kunsthalle ungewohnte Musealität. Nach einem Auftakt mit Raumskulptur und Malerei folgt eine Neonarbeit begleitet von Textbildern. Der dritte Raum zeigt die dreifache Projektion von historisch anmutenden Filmaufnahmen, die auf einem Bühnenstück von Alexander Rodtschenkos Frau, Warwara Sepanova, gründet und von Musikeinspielungen von Steven Parrino und dem Singen der Künstlerin unterbrochen wird. Mit symbolhaft tapezierten Wänden wird «An Evening of the Book» als Gedenkraum für die Aufbruchstimmung und revolutionäre Kraft der Kunst in der Gemeinschaft inszeniert, der das Wissen um das Scheitern lakonisch in sich trägt. Der Raum lässt sich zudem als Gedenkraum für den 2005 bei einem Motorradunfall tödlich verunglückten Freund und Künstler Steven Parrino lesen. So viel privatinhaltliche Deutung mag im kristallinen Grundgebirge der Perret'schen Fiktion vermessen sein, doch lässt sie das Übermass an Formalismen erträglicher werden. In unzähligen Anspielungen und Querverweisen lenken die Arbeiten in «Land of Crystal» auf die Belange der Moderne und ihr revolutionäres Potential. «Letter Home (After A.R.)» setzt sich aus Briefen zusammen, die der Konstruktivist Aleksander Rodtschenko aus Paris an seine Frau geschrieben hat, als er zum ersten Mal aus Anlass des Baus des Sowjetischen Pavillons für die Weltausstellung in Paris und im Westen weilte und sich nach Russland und der Revolution sehnte. Die Textarbeiten werden beherrscht von der Neonzeichnung «Harmonium», die sich an eine Arbeit der schwedischen Antroposophin Hilma af Klingt anlehnt. Referenzen an John Armleder oder Olivier Mosset und an die ganze Palette der konkreten und abstrakten Kunst durchziehen die Tafelbilder und die beiden ins Format des Abstrakten Expressionismus gewachsenen Teppiche. Für das kollektive Erlebnis im Sinne von Begehbarkeit eröffnet «We» die Ausstellung. Die Spirale in rechten Winkeln und Rautenmustern wickelt sich um einen Pfeiler im Raum, erinnert an Spiral Jetty von Robert Smithson und prähistorische Zeichnungen, aber auch an Sofabezüge mit so praktischen Details wie Klettverschlüssen für die einfache Reinigung. Es sind diese zunehmend ironisch aufgeladenen und in ihrem Überfluss sich selbst verulkenden Zitate aus den utopieträchtigen Ebenen der Gesellschafts- und Kulturgeschichte, die der Arbeit von Mai-Thu Perret den Atem verleihen.

Jusqu'à 
15.03.2008

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