Dieter Roth in der Galerie Hauser & Wirth

Dieter Roth · Tischruine, 1970–1998,
Diverse Materialien und Objekte, ca. 12 x 6 m , Installation Galerie Hauser & Wirth, Zürich

Dieter Roth · Tischruine, 1970–1998,
Diverse Materialien und Objekte, ca. 12 x 6 m , Installation Galerie Hauser & Wirth, Zürich

Besprechung

«Kucken und Kacken» war seine Antwort auf die Frage, wie er selbst denn seine Kunst charakterisieren würde. Der gebürtige Hannoveraner Dieter Roth (*1930–1998), der am 5. Juni in Basel verstorben ist, gehörte nicht nur zu den wichtigsten Künstlern der Nachkriegszeit: Er war mit seiner ebenso unangepassten wie radikalen Kreativität zugleich ein viel zu wenig wahrgenommener Impulsgeber der aktuellen Kunstszene.

Dieter Roth in der Galerie Hauser & Wirth

Nichts ist voraussetzungslos, am wenigsten die zeitgenössische Kunst. Im engen Blickfeld der «Aktualität» geraten diese Voraussetzungen jedoch allzu oft aus den Augen und aus dem Sinn. Zeichen unseres Zeitalters: Wir betreiben intensiv Archäologie des Altertums und der Gegenwart, in punkto jüngster Vergangenheit aber befällt uns regelmässig eine Amnesie. Da werden Jason Rhoades und Thomas Hirschhorn allerorten vom Kunstbetrieb gefeiert, doch die naheliegenden Anknüpfungspunkte dieser nur scheinbar wildwuchernden Material-Akkumulation schlicht vergessen. Die Galerie Hauser & Wirth macht hier eine rühmliche Ausnahme, indem sie im direkten Anschluss an Rhoades’ überbordenden «Creation Myth» das vom Künstler verehrte Vorbild nachliefert: Dieter Roth samt «Tischruine». Die 1970 auf einer Tischplatte begonnene, seitdem stetig wachsende Objektbildton-Assemblage füllt mittlerweile spielend hundert Kubikmeter und ist mit ihrem Arbeitschaos aus ratternden Projektoren, Holzleitern, Kabelknäueln, Motten und Kaffeefilterbergen gleichsam ein Proto- wie Idealtyp jenes sich selbst «verdauenden» work in progress, das heutzutage allüberall fröhliche Urständ feiert.

Hat der Schimmelpilzexperte und Zerfalls-Experimentator Dieter Roth massgeblich die Trash-’n’-Splash-Ästhetik eines Mike Kelley oder Paul McCarthy mitgeprägt, so hat der Künstlerbucherfinder schon seit den sechziger Jahren die Auflösung des Sinns im medialen Rauschen exemplarisch praktiziert: mit Minibüchern aus Zeitungsausschnitten im Brühwürfelformat und 176 Buchseiten reinstem Ge«Murmel», an dem Kippenberger seine helle Freude gehabt haben dürfte. Ebenso bedeutend ist die frühe und konsequente Auseinandersetzung des manischen Sammlers mit dem Wesen des «Archivs», das kurz vor der Jahrtausendwende und mitten in der Informationsflut derzeit so viele Künstler beschäftigt. Neben der ungeheuren Fleissarbeit der «Reykjavik Slides» beeindrucken hier vor allem die 700 Aktenordner mit «Flachem Abfall» aus dem Jahre 1976. Was könnte wirkungsvoller gegen verklärende Erinnerungen oder Gedächtnisverlust sein als das gebrauchte Toilettenpapier eines dieser 365 Tage?

Dass Dieter Roths Furor der Durchmischung von Kunst und Leben auch jenseits der Pensionsgrenze noch nicht erschöpft war, erweist sich in der Videoarbeit «Solo Szenen» von 1997–1998. Wider die künstlichen Über- und Untertreibungen des Alltags im Fernsehen setzt Roth sein eigenes Leben, gefilmt im VHS-Format. Vierzig Monitore im Sperrholzregal zeigen tonlos den alten, weissbärtigen Roth nackt und in langen Unterhosen, beim Urinieren, Essen, Bett aufschütteln oder der Verdauungslektüre auf dem Klo. Scheint «Solo Szenen» im ersten Moment fast eine Persiflage des anhaltenden Real-Life-Trends der jungen Kunst, so offenbart sich das Reality-TV-Porträt des Künstlers, das wortlose Protokoll seines Alterns und Alltags, bald auf ganz andere Weise als bestürzend aktuell.


Jusqu'à 
24.07.1998

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