Christine Borland im Museum für Gegenwartskunst

Christine Borland · L’Homme Double, 1997; Foto: T. & R. Henderson; Courtesy De Appel, Amsterdam

Christine Borland · L’Homme Double, 1997; Foto: T. & R. Henderson; Courtesy De Appel, Amsterdam

Besprechung

Fakt und Fiktion liegen bei den Projekten der Schottin Christine Borland nah beieinander. In einer ersten monographischen Übersicht sind Arbeiten von Christine Borland nun im Museum für Gegenwartskunst zu sehen.

Christine Borland im Museum für Gegenwartskunst

Aufgefallen ist sie durch Gipsköpfe, die starr auf hohen Sockeln standen. Durch ein menschliches Skelett, das in einem Pappkarton lag. Oder mit Glasborden, die schlaglichtartig das Schattenbild von Knochen auf Galeriewände projizierten. Christine Borland hat an allen wichtigen Brit-Pop-Ausstellungen in London, Paris und Wolfsburg teilgenommen, bevor sie in Münster 1997 auf internationalem Feld reüssierte. Fast unscheinbar standen zwei lebensgrosse Porträtbüsten auf mannshohen Sockeln. Borland rekonstruiert mit diesen Köpfen anonyme Identitäten. In Münster forschte sie nach jenen Individuen, die zu Versuchs- und Anschauungszwecken in den dreissiger und vierziger Jahren in die anatomischen Sammlungen der Medizinischen Fakultät eingegangen waren. Über die linientreuen Professoren der Nazizeit, welche die Präparate erworben hatten, fand sich detailliertes Material, nicht aber über die namenlosen Opfer, denen Borland mit Hilfe kriminologischer Techniken ein Antlitz zurückverschaffte. Der Tod lieferte Indizien ihrer Identität. Daraus schuf die dreiunddreissigjährige Schottin plastische Gesichter, um an den Schrecken gnadenloser Rassenhygiene zu erinnern.Ausgangspunkt ihrer Identitätsforschungen waren einerseits Horrorfilme wie «Gorky Park», in dem KGB-Agenten drei kopflose Leichen im Schnee finden und durch chemische Spurenanalyse deren Gesichter wiederherstellen, oder eine Fernsehdokumentation über Anna Anderson, die behauptet die Tochter des letzten Zaren zu sein. Andererseits stiess die Künstlerin auf eine ungenannte asiatische Quelle, über die man menschliche Skelette beziehen kann. Gemeinsam mit Gerichtsmedizinern analysierte Borland den Inhalt eines im Postversand erhaltenen Pakets. Die Überreste waren weiblich, asiatisch, 1,57 Meter gross und etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Der Schädel lieferte Anhaltspunkte für eine fiktionale Rekonstruktion ihres Aussehens. Borland verschaffte der Unbekannten ein Bronzegesicht. In der Ausstellung zeigt sie die Fakten, das Skelett, die Laboranalysen, als Diapositive und die Wirklichkeit als Möglichkeit, den Bronzekopf. Als Betrachter gerät man in ein Kraftfeld der Vorstellung, auf dem ein spurloses Leben neue Konturen gewinnt.Fakten liefern nur dürftige Zahlenangaben über Grösse, Alter und Geschlecht. Wenn kein Zeuge vorhanden ist, löst sich das Eigentliche, die Geschichten und Erinnerungen, Vorlieben und Charaktereigenschaften eines Menschen ungehört im Äther auf. Aus den Berichten von Überlebenden, welche den Lagerarzt Joseph Mengele erlebt hatten, rekonstruiert Borland in einem anderen Projekt das Aussehen des skrupellosen Mediziners. Sie forderte sechs Bildhauerkollegen auf, nach sechs authentischen Berichten Köpfe zu formen. Die ins plastische Bild übertragenen Angaben führten zu unterschiedlichen Erscheinungen. Borland fischt in der Grauzone unserer Zivilisation, in der brutalen Wirklichkeit, in der Schicksale von Tätern und Opfern untergehen. Was sie zeigt, sind die kühlen Fakten. Was sie meint ist der Raum dazwischen, die Leerstelle, der Kontext, der menschliche Existenz ungreifbar, aber lebendig macht. Nach der Präsentation in der Stiftung De Appel, Amsterdam, in Zürich vom 29.1.–21.3.


Jusqu'à 
20.03.1999

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