Johannes Kahrs

Johannes Kahrs · Der junge Homosexuelle, der die Ehe verweigert, 2000, Triptychon, Öl/Leinwand, je 190x290 cm; Courtesy Galerie Franke+Schulte

Johannes Kahrs · Der junge Homosexuelle, der die Ehe verweigert, 2000, Triptychon, Öl/Leinwand, je 190x290 cm; Courtesy Galerie Franke+Schulte

Besprechung

In dem Roman «Stilleben» von Antonia Byatt tritt ein Literaturwissenschaftler auf, der meint, Cézanne sei es gelungen, die Welt mit der Geste des «Hier ist es» zu malen. Dieser Quasi-Objektivität habe van Gogh mit der Geste des «ich liebe es» geantwortet. Die Raserei zwischen den verschiedenen Bildmedien des Künstlers Johannes Kahrs (*1965 in Bremen, lebt in Berlin) entspringt einem sehr deutschen «Hier könnte es sein». Alles bleibt Option.

Johannes Kahrs

Für die Ausstellung «Shot and Painted» übertrug er drei Filmstills aus Wes Cravens «Last House on the Left» von 1972 in drei grossformatige Gemälde. Eine Frau wird in einem See erschossen. Kahrs zerstückelt die Sekunde vor, während und nach dem Schuss in drei Sequenzen und löst die Anekdote (Mord) in Farbwerte auf, die Bezüge zu Monets Seerosen-Bilder eröffnen und jegliche Nähe des Ophelia-Motivs meiden. Seine Arbeit zeigt sich in der Modulation der Farben und der Akzentuierung von Details analog der Vorlage. Durch die Übertragung von einem Medium in ein anderes werden die Bilder einerseits verfremdet, andererseits umgewertet. Der Mord ist ein Anlass, drei schöne Bilder zu malen: Licht im aufspritzenden Wasser wie eine stumme Detonation. Kahrs zeichnet, stellt Plakate her, arbeitet mit Videos und malt selten mehr als vier Gemälde pro Jahr. In allen Medien regiert das angehaltene Bild. Der Kategorie des Raumes, hält er die Kategorie der Zeit als ruckhafte Unterbrechung entgegen. Die Augenblicksbilder geben über die Handlung des Films, aus dem sie stammen, wenig Aufschluss. Sie zeigen in weitgehend abstrahierter Form den Moment, in welchem der Handlungsverlauf kippt, jenes Moment, das Hegel «caput mortuum» nannte: der rätselhafte Augenblick, in dem alles verdorben scheint, sich neu formiert und noch unverstanden ist. Der emphatischen Darstellung eines zeitlichen Jetzt des Malers müsste idealiter die emphatische Wahrnehmung eines Überwältigten antworten: ein Betrachter, der sich im Präsens des Schauens verliert.Um dies zu erreichen, hat Kahrs mehrere Wege beschritten. Er sucht das Extrem (Sex, Tod, Gewalt) und muss bei der Wahl der Bilder, die er dem Fundus der populären Medien (Pornomagazine, Tageszeitungen, Kinofilm) entnimmt, damit rechnen, dass sie sich rasch abnützen, wenn er ihnen nicht etwas Substanzielles gibt – etwa die Qualität der Handarbeit in ihren sinnlichen Eigenschaften. Die Bilder verlangen Abstand. Wer zu nah an sie heran geht, dem verschwimmt alles zu informellen Farbpartikeln. Nur aus der Ferne sieht man sie genau.Bildmotive und Titel sind Fundstücke. «Der junge Homosexuelle, der die Ehe verweigert», ist ein Zitat aus Michel Foucaults «Wissen und Macht», das weder mit dem Bild noch mit dessen Quelle zu tun hat. Kahrs setzt einen möglichen, aber ziemlich arbiträren Zusammenhang. Das verbindende Element liegt in der Gewalt.Wie Thomas Hirschhorn und Jonathan Meese gehört Kahrs zu jenen Künstlern, die sich mit der Überfülle an Bildinformationen konfrontieren und die Fluten zu ordnen und zu individualisieren versuchen. Kahrs ist auf starke Einzelbilder aus. Dabei nutzt er das Nebeneinander erratischer Bezüge als Schockmomente. Sein Ziel ist die Ikone: der Wiederschein eines Scheins von einem einst realen Geschehen in die Gegenwart möglicherweise.


Jusqu'à 
12.05.2000
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Johannes Kahrs 01.04.2000 - 13.05.2000 exposition Berlin
Allemagne
DE
Auteur(s)
Peter Herbstreuth
Artiste(s)
Johannes Kahrs

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