Phönix aus der Asche – visarte

Bernard Tagwerker, 2000

Bernard Tagwerker, 2000

Fokus

Der seit 1866 bestehende Schweizerische Berufsverband mit dem schwierigen Namen GSMBA, Gesellschaft der Schweizerischen Maler, Bildhauer und Architekten, existiert nicht mehr. Seit dem 1. Januar dieses Jahres wurde er von der visarte abgelöst. Dass sich die unterdes doch recht verstaubte GSMBA innerhalb von vier Jahren zu einem vielversprechenden neuen Verband mauserte, ist dem St. Galler Künstler Bernard Tagwerker zu verdanken, der das Amt des Zentralpräsidenten mit grossem Elan übernahm.

Phönix aus der Asche – visarte

Neuer Berufsverband für Schweizer KünstlerInnen

Brita Polzer: Wenn ich Künstlerin wäre, warum sollte ich Ihrem Berufsverband beitreten?Bernard Tagwerker: Künstler und Künstlerinnen haben bei allen Unterschieden doch ge-meinsame Interessen, und für die setzen wir uns auf politischer Ebene ein. Gerade in den ersten Jahrzehnten der GSMBA, als Künstler noch etwas sehr Exotisches waren, hat unsere Interessensvertretung viel bewirkt. Die eidgenössische Kunstkommission und ihr Preis geht auf die Initiative und Lobbyarbeit der GSMBA zurück. Unsere nach aussen hin bestbekannte Sozialmassnahme ist die Taggeldkasse. Über die Krankenversicherung hinaus bieten wir eine bescheidene Entschädigung für den Verdienstausfall bei Krankheit an.BP: Was haben Sie noch zu bieten?BT: Die GSMBA hat ein Reglement für «Kunst am Bau/Kunst im öffentlichen Raum» auf die Beine gestellt, das die korrekte Vergabe dieser Aufträge betrifft. Besonders wenn es um grosse Summen geht, müssen Aufträge ausgeschrieben werden. Zudem ist eine professionelle Jury beizuziehen – alles Massnahmen, die bis heute in kleineren Orten keineswegs selbstverständlich sind. Und dass grössere Städte diese Vergabe mittlerweile institutionalisiert haben, geht letztlich auf unsere Inititative zurück.BP: Wovon könnte ich noch profitieren?BT: Wir vergeben Werkbeiträge und Preise sowie ein Atelier in Paris, das zwei Mal im Jahr für je sechs Monate – mit einem Zuschuss von 5000 Franken – angeboten wird. Attraktiv ist weiterhin der Museumspass der AIAP (association internationale des arts plastiques). Dabei handelt es sich um eine weltweite, der Uncesco angeschlossene Organisation, die reduzierte Eintritte in Kunstmuseen und Kunsthallen möglich macht.BP: So ein Museumspass erscheint mir ausserordentlich sinnvoll. Ich empfinde es immer als ungerecht, wenn ich als Kritikerin die Museen umsonst besuchen kann, die Künstlerinnen aber zahlen müssen.BT: Weiterhin gibt es ein Info-Bulletin, das über die laufende Vereinstätigkeit informiert. Attraktiv wird das Heft durch eine Art Börse. Gratis kann dort annoncieren, wer sein Atelier für ein paar Monate vermieten oder seine Kupferdruckpresse verkaufen will. Diesen Informationsdienst möchten wir ausbauen, vor allem auch internationale Ausschreibungen bekannt geben. Allerdings können wir nicht allzu aktuell sein, da wir nur vierteljährlich erscheinen.BP: Da ist das Kunst-Bulletin sicher viel aktueller!BT: Neben dem Info-Bulletin geben wir noch die «Schweizer Kunst» heraus, aber dabei handelt es sich um ein Sorgenkind. Nicht nur der unglaubliche Aufwand für eine viersprachige Zeitschrift – jedesmal ein regelrechter Kraftakt – und die Finanzen sind das Problem, sondern auch die Frage, wie man die Zeitschrift positionieren soll. Wir müssen bei dieser Zeitschrift an die Aussenwirksamkeit denken. Unsere Mitglieder möchten sich darin selbst unterbringen und professionelle Kritiker sind nicht unbedingt gern gesehen. Der neue Zentralvorstand muss demnächst grundsätzlich darüber diskutieren, wie diese Zeitschrift langfristig überleben kann. Als eine Möglichkeit sehe ich die Kooperation mit einer anderen Zeitschrift.BP: Der Konflikt mit der Zeitschrift spiegelt wohl die gesamte Stimmung des Verbandes: eine Art Abkapselung gegenüber dem aktuellen Kunstbetrieb.BT: 1930 hat die Zeitschrift natürlich wunderbar funktioniert, damals gab es auch keine anderen. Gleiches gilt für die Ausstellungen. Die GSMBA hatte viele Jahre lang in verschiedenen Museen ein Anrecht auszustellen, aber heute hat sich das Umfeld so grundlegend verändert, dass die Museen diesen Usus teilweise abgeschafft haben. Misslicherweise wurde zudem der gesamte Verband zunehmend mit diesen qualitativ eher schwierigen Aussstellungen gleichgesetzt. Das hat viele Künstler und Künstlerinnen abgehalten, der GSMBA beizutreten.BP: Ausstellungen wird es also gar keine mehr geben?BT: Auf regionaler Ebene macht es durchaus Sinn, da können sich die jeweiligen Gruppen, welche ja häufig eigene Räume oder Gastrecht in städtischen oder kommunalen Räumen haben, ihre Ausstellungen selbst organisieren. Regionale Ausstellungen haben ja auch ein anderes Gewicht.BP: Ist der Verein eine zähe Masse, die immer nur Forderungen stellt?BT: Wie in jedem anderen Verein sind es immer nur einige wenige, die sich aktiv engagieren. Allerdings ist es enttäuschend zu sehen, dass auch Künstlerinnen und Künstler oft undifferenziert und unflexibel reagieren. Es stimmt schon, viele Leute bei der GSMBA fühlen sich zu kurz gekommen, aber ein Grossteil ist eben nicht erfolgreich und muss mit einem doppelten Frust leben. Finanziell sind viele schlecht dran, haben auf der anderen Seite auch keine oder nur wenig Anerkennung ihrer Arbeit in die Waagschale zu werfen.BP: Wie sieht es mit den Renten aus?BT: An den Renten arbeiten wir – zusammen mit dem Bundesamt für Kultur. Dies ist jedoch eine komplizierte Angelegenheit und wird noch lange dauern. Eine andere Möglichkeit ist die Fürsorgestiftung der ProLitteris. Wir müssen unsere Mitglieder davon überzeugen, dass das Urheberrecht eine ganz wichtige Geschichte ist und dass sie unbedingt einer Verwertungsgesellschaft beitreten sollen. Ich wage zu behaupten, dass Künstler selbst in der Lage wären, eine Altersversicherung zu finanzieren, wenn sie ihre Urheberrechte konsequent einfordern würden. Die Fürsorgestiftung der ProLitteris ist nach dem vorbildlichen Schema aufgebaut: je schlechter es mir im Alter geht, desto höher wird meine Rente. Im Musikbereich und bei den Schriftstellern funktioniert das Urheberrecht schon recht gut, aber bei den bildenden Künstlern und Künstlerinnen gibt es noch zu wenig Bewusstsein dafür.BP: Wie sehen die Aufnahmebedingungen für die visarte aus?BT: Das ist eine der grossen entscheidenden Neuerungen. Früher haben die Juries versucht, an Hand von Mappen oder Originalen nach qualitativen Kriterien auszuwählen – ein ziemlich schwieriges Prozedere und einer der Gründe, warum viele in der Kunstszene verankerte Leute nicht mitmachen wollten. Neu soll die Professionalität beurteilt werden. So sollte mindestens die Hälfte der Arbeitszeit für die Kunst aufgewendet werden oder die Hälfte des Einkommens mit Kunst verdient sein. Ausbildung – heute ja viel eher gegeben als früher – ist ein weiteres Kriterium und dann kommt noch die Ausstellungstätigkeit hinzu. Damit meinen wir aber nicht die Teilnahme in der ZÜSPA-Halle oder eine Ausstellung beim Zahnarzt. Preise, Auszeichnungen oder Werkbeiträge gelten auch als Qualifikation. Wenn jemand in die Endrunden des Eidgenössischen Preises gekommen ist, dann haben wir ihn oder sie in den letzten Jahren automatisch für einen Beitritt angefragt. Die sind ja schon juriert worden, dann müssen wir nicht noch diskutieren, ob die eidgenössische Kommission qualifiziert ist oder nicht. Ausserdem wollen wir die Leute vermehrt direkt anfragen und gerade solche involvieren, die aktiv in der Kunstszene präsent sind.BP: Pipilotti Rist ist Mitglied. Ob man sie als Aushängeschild nutzen dürfte?BT: Vielleicht wäre ihr das ein wenig peinlich, in dieser Art instrumentalisiert zu werden. Aber für andere, gerade für Junge aus der Videoszene, könnte das ein entscheidender Anreiz sein. Eine grundlegende Neustrukturierung ist weiterhin, dass man nicht mehr unbedingt einer regionalen Gruppe beitreten muss, sondern einfach nationales Mitglied sein kann. Natürlich stehen die Gruppen jedem offen, aber das ist nicht obligatorisch wie bis anhin.BP: Jeder kann sich also entscheiden, ob er nur auf nationaler oder zusätzlich auch auf regionaler Ebene Mitglied sein will?BT: Genau. Dass eine Interessensvertretung für Kunstschaffende nötig ist, das leuchtet vielen ein, aber viele hatten Mühe mit dem Gedanken, regional beitreten zu müssen. Gerade wenn sie etwas erfolgreicher waren, stiessen sie in den Regionalgruppen auch auf Anfeindungen und schliesslich wurde ihnen noch mangelnde Solidarität vorgeworfen. Für andere ist die regionale Gruppe natürlich richtig, dort sind sie bestens aufgehoben und können dort auch ausstellen. Das neue Modell ist für viele Neueinsteiger attraktiv und vielleicht fühlen sich auch Leute angesprochen, die im Ausland wohnen, aber noch einen starken Bezug zur Schweiz behalten wollen.BP: Wie sieht es mit den Mitgliederbeiträgen aus.BT: Die Gruppen setzen ihre Beiträge selbst fest. Der Mitgliederbeitrag liegt zwischen 150 und 270 Franken – darin enthalten ist der Beitrag an die Zentralkasse. Für die nur nationalen Mitglieder verlangen wir den Durchschnittsbeitrag aller Gruppen.BP: Noch ein heisses Eisen: Wie war das mit der Frauengruppe, der GSBK. Die Frauen haben lange überlegt, ob sie mit der GSMBA fusionieren und den neuen Verband gemeinsam gründen wollen, haben sich aber dann doch dagegen ausgesprochen.BT: Die GSMBA steckte 1996 in einer Krise. Beim Nachdenken über eine Reorganisation war schnell klar, dass die GSMBA und die GSBK zusammengelegt werden sollten, weil ja eigentlich beide die gleichen Interessen vertreten. Auf organisatorischer Ebene war das klar, aber auch auf politischer. Die GSBK hat Ausstellungen für Frauen auf die Beine gestellt dank häufig sehr tatkräftiger Präsidentinnen, aber politische Arbeit oder Vertretung feministischer Anliegen gab es kaum. Sicher war die Vergangenheit der GSMBA nicht frauenfreundlich. Lange Zeit wurden in diesem Männerclub gar keine Frauen aufgenommen. Der erste Zentralpräsident Ferdinand Hodler sprach es klar aus: «Wiibere wei mer keini». Insofern war die GSBK früher absolut sinnvoll. Eine kleine, sehr militante Gruppe hat sich nun aber vehement gegen die Fusion gewehrt und am Schluss fehlte der GSBK die Zweidrittelmehrheit, um diese zu vollziehen. Seitdem sind über die Hälfte der circa 450 Mitglieder der GSBK zu uns übergetreten und diese riskiert, völlig ins Abseits zu geraten. Ich denke, die haben sich keinen Gefallen erwiesen.BP: Neu können neben den regionalen Gruppen auch Interessensgruppen gegründet werden.BT: Ja, eine gibt es bereits, die sich mit Frauenanliegen beschäftigt und aus den ganzen Auseinandersetzungen mit der GSBK resultierte. Das haben wir sehr gefördert. Diese Interessensgruppen können aber auch als Fachgruppen bestehen unter dem Gesichtspunkt Video beispielsweise.BP: Wie müssen Leute vorgehen, die bereits Mitglied sind?BT: Sie werden automatisch übernommen, wenn sie nicht ihren Austritt erklären.BP: Ich bin froh, dass Sie sich auch für einen neuen Namen entscheiden konnten.BT: visarte steht für «Berufsverband visuelle Kunst». Der neue Name hat den Vorteil, dass er in allen Sprachen gleich ist. Auch war die alte Aufteilung in Maler, Bildhauer und Architekten völlig veraltet.BP: Dürfte ich eigentlich auch in Ihren Verband eintreten? Wie sieht es mit Kulturschaffenden in einem weiteren Sinn aus, KuratorInnen, KritikerInnen?BT: Ich wäre sehr dafür, doch diese Diskussion müssten wir führen.BP: Woher nehmen Sie die Kraft, einen ganzen Verein neu zu beseelen? Sie sind ja schon fast missionarisch tätig.BT: Ja, manche denken schon: «Der ist nicht ganz dicht, mit dem kann man ja über nichts anderes reden». Aber das macht nichts. Unsere Grundziele sind wirklich sehr wichtig und wir haben keine andere Lobby. Künstlern und Künstlerinnen geht es nicht so gut dass sie darauf verzichten könnten.


Auteur(s)
Brita Polzer
Artiste(s)
Bernard Tagwerker

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