Unsere Museen

THE GREAT UNKNOWN träumendes Tier im Pelzpyjama, rote Kordel, schwarzes Cibachrome, schwarze Tableaus, Morgendämmerung (bitte keine lauten Rufe, Filzpantoffeln benützen), Kunstmuseum St. Gallen

THE GREAT UNKNOWN träumendes Tier im Pelzpyjama, rote Kordel, schwarzes Cibachrome, schwarze Tableaus, Morgendämmerung (bitte keine lauten Rufe, Filzpantoffeln benützen), Kunstmuseum St. Gallen

PLASMAOZEAN, (siehe auch Königsqualle) solarismässig vorgelagerte Laboratorien, mögliche Ausstellungen (siehe auch Displays), siehe auch Veranschaulichung amorphe Masse versus kristallines Prinzip, Villa Merkel, Esslingen

PLASMAOZEAN, (siehe auch Königsqualle) solarismässig vorgelagerte Laboratorien, mögliche Ausstellungen (siehe auch Displays), siehe auch Veranschaulichung amorphe Masse versus kristallines Prinzip, Villa Merkel, Esslingen

Fokus

«The Great Unknown» verspricht die aktuelle Ausstellung der beiden Künstler Andres Lutz und Anders Guggisberg im Kunstmuseum St. Gallen. Zusammen mit dem Autor Peter Weber findet ihr Museumskommentar hier im Rahmen von «Paarläufe» seine Fortsetzung.

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Die Bahnhofsarbeit ist reine Praxis, es gibt keine eigentliche Ausbildung. Jeder hat sich seine Stellung selber auszumalen, seinen Ort, seine Tätigkeiten. Einzig eine längere schriftliche Arbeit wird erwartet, sie geht mit der praktischen Auseinandersetzung einher, nährt sich aus den Erfahrungen, ist also ein Begleit-, und Orientierungsschreiben. Form und Inhalt sind frei wählbar, passen sich dem Selbstverständnis an. Manche schreiben im Laufe der Jahre Wälzer mit weitausschwingenden Sätzen, Ranken und Girlanden, behängen sie mit Früchten ihres Denkens und Wollens, andere halten sich mager, kauern und kargen wenige Sätze aus, lassen die Karsten klaffen. Ich hatte für meine Arbeit das Thema Schwarm und Schwärme ausgewählt, wollte aus der Erinnerung Mückenschwärme beschreiben, wie sie in der Dämmerung über Seen tanzen, in denen bekanntlich die Seelen gespeichert sind, wollte die Fischschwärme darunter beschreiben, wie sie in Schulen schwimmen, wollte Fisch- und Mückenschwärme miteinander in Verbindung bringen, daraus eine allgemeine Lehre des Schwärmens herleiten. Die Mücken sind nach Jahren in der Morgendämmerung aus ihren Larven geschlüpft und durch den Tag gesummt, der ihr ganzes Leben umfasst, sie zeigen abends ihre letzten Tänze, spiegeln sich in der Wasseroberfläche, wo sich die Fischkörper und alle Farben des Himmels abzeichnen. Bei steigenden Schatten sinkt alles Tageslicht ins Wasser, Himmelblau und Wolkenrot sammeln sich auf der wankenden Oberfläche, laufen ineinander, die Mücken wollen ein letztes Mal steigen, fliegen aber dem Marmorwasser zu, benippen den Spiegel. Die Fische schnappen sich die nassen Körperchen. So entstehen kleine Kringel und Kreise, die den Möwen, die nur wenige Meter darüber ihre Schlaufen fliegen, präzise Zielvorgaben sind. Die Vögel lassen sich fallen, stürzen auf sich selber zu, durchpfeilen ihr eigenes Spiegelbild, schnappen sich die Fische darunter, schlucken sie, wieder aufgetaucht, sitzend, während die Wellen verebben. Die letzten Schatten werden beim Einnachten vom Wasser aufgesogen, der Mückenzauber ist vor-bei, die Fische ziehen ihre Bahnen,
selten erblickt man darunter eine einsame Grundel oder eine graugefleckte, schummrige Barbe, die sich von den Fetzen der Wasserschatten ernährt, die sich auf den Seeboden legen, Sedimente, sie schlürft sie schwimmend auf.

Auf der Suche nach weiteren Schwarmvorlagen wagte ich mich ins zweite Untergeschoss, ging auf den schwarzblanken Marmorplatten, die hier Kaufrausch anzeigen. Der Marmor führte zwischen verspiegelte Wände, es war die Eingangspassage zum Supermarkt. Die Spiegelwand war aufgebrochen, mehrere Männer waren, unbeachtet von den Passanten, hinters Licht gestiegen. Ich nahm einen Einkaufskorb, streifte die Regale entlang, studierte das Angebot, verglich Artikel, prüfte Preise, las mich ins ganze Sortiment ein. Ich nahm nichts als einen kopfgrossen Wirsing, der mir günstig in der Hand lag, und gelangte zu den Legebatterien, die in die Regale eingepasst waren. Geflügel bestellt man hier per Knopfdruck. Eine Metallhand verpasst dem Huhn einen Stromschlag, nachdem es das letzte Ei gelegt hat. Es rollt in einen Trog, wo es Kinder bestaunen, während das betäubte Tier an den Füssen aufgegriffen und frei hängend über eine schnell messernde Klinge geschleift wird, die ihm geräuschlos den Hals durchtrennt. Der kopflose Körper wird, noch zuckend, in heisses Wasser getaucht, automatisch gerupft, ausgenommen und in Folie eingeschweisst und kann bei der Kasse in Empfang genommen werden.

Hinter den Broten vernahm ich Geräusche, folgte einer Mehlspur und gelangte zwischen die Bäckerinnen, die mich für einen Boten hielten, fand durch die Backstube in die Hinterzimmer und die grossen Lagerhallen, geriet samt Wirsing hinters Mehl, schob eine Türe auf, worauf die Geräusche Gestalt annahmen: Komm?kam?gekommen knarrte es fern vorne. Lange lief ich durch einen lichtarmen Gang, was meine Augen tröstete, sie wurden mir mit Balsam ausgepinselt, bis ich an eine Rolltreppe kam, deren Tritte hölzern waren, ein Knarren von sich gaben. Ich fuhr hinunter, einem saugenden blauen Licht entgegen, das ich als Leuchtschrift erkannte, als ich unten angekommen war: Museum der Öffentlichkeit stand über dem Portal, es waren gebogene Neonröhren, teils waren sie leckgeschlagen, teils hingen sie schief und flackerten. Ich betrat eine grosse, leere, ausgekachelte Halle, Reste des Geflackers spuckten herüber, fanden an den Wänden Widerhall, wurden zu Seufzern, die auf Ohrhöhe weiterseufzten. Als sich die Augen an diese Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich ein lupendickes Sicherheitsglas vor ultraviolettem Wasser. Drin schwebte eine Königsqualle, sie liess ihre Fäden seelen. Ich stand nahe am Glas, verfolgte die Flug- oder Schwebebewegungen dieses Wesens, das mich wahrzunehmen schien, es warb pulsierend um meine Aufmerksamkeit, quoll auf, sog mich an, liess mich sinken, um wieder zu steigen. Ich beschloss, in meiner schriftlichen Arbeit auch diese Qualle zu erwähnen. Sie ist das schönstvorstellbare Wesen, ihre seelenden Wimpern aber sind so giftig, dass bereits längeres Hinschauen tötet. Auf einer Insel in der Südsee, las ich, gab es den Brauch des Quallens, mit dem verhindert werden konnte, dass die Häuptlinge zuviel Macht erhielten. Wer Oberhaupt werden wollte, musste eine Königsqualle einfangen und einige Stunden lang auf dem Kopf tragen. Die meisten Anwärter waren auf der Stelle tot, sobald sie die Qualle berührten, im Umkreis mehrerer Kilometer verendeten alle Lebewesen, wenn sie eine Bucht heimsuchte. Wer dies durchstand, wurde Machthaber, war aber vollständig verblödet, musste wie ein Haustier gefüttert werden. Auch spätere Eroberer wurden dieser Prozedur unterzogen, so dass nie ein Bericht nach aussen gedrungen ist und niemand mehr weiss, wo sich diese Insel eigentlich befindet.

Der nächste Raum war mit Die See überschrieben. Dort stand ein riesiges Aquarium, in dem oberflächlich bleiche Täuflinge schwaderten, während in den Tiefen die Schwalbenfische in höheren Schulen schwammen. Dahinter gelangte ich in einen finsteren Saal, wo es stark nach Arabica duftete. Aus dem Dunkel wuchsen die Konturen einer schwarzen Dampflokomotive. Als ich die Haufen im Anhänger betastete, fand ich nicht nur Kohle, sondern beachtliche Quantitäten ungerösteten Kaffees. Die Lokomotive, die ich erkletterte, war tatsächlich eine riesige Kaffeemaschine. Jetzt erkannte ich auch verschiedene Gestalten, die das Gerät stumm bedienten. Die Hälfte des Kessels war eine Rösttrommel, in die grüne Bohnen geschüttet wurden, der andere Teil eine Mühle. Kohle wurde in die Feuerbüchse geschaufelt, das Wasser über die Siederohre erhitzt und in Dampfform zum Schornstein gelenkt, wo das frisch gemahlene Pulver eingefüllt worden war, um vom Wasserdampf durchtrieben zu werden und als Brühe in einen Behälter zu rinnen, der über eine Umwälzpumpe tatsächlich mit der Heizung verbunden war.
Ich liess von weiteren Untersuchungen ab, kam zur nächsten Leuchtschrift:
Aus Höfen sind Bahnhöfe, aus Häfen sind Flughäfen geworden.
Ich schob ein Leder beiseite, hatte salzige Winde im Gesicht, erkannte, als sich meine Augen an weitere Dunkelheiten gewöhnt hatten, sämtliche Tee- und Opiumklipper aufgereiht, die Galionsfiguren grinsend, streckten mir Fäuste und Brüste entgegen. Die Masten kratzten die Decke wund, von der herab Steine getropft waren, die in den Schiffen steckten. Die Wellen schienen von fern anzurollen, klatschten wild auf, wurden ins Endlose repetiert. Ich durcheilte die Bahnhofshallen von Luzern, Leipzig, London Liverpoolstreet, bis ich vor einer Glastüre stand. Sie wich, ich fand mich im Einkaufszentrum wieder, wo ich mich mit meinem Kärtchen schnell in die Schlange bei der Kasse einreihte, denn ich hatte vergessen, meinen Wirsing zu bezahlen.

«The Great Unknown» im Kunstmuseum St. Gallen (Manor-Kunstpreis) läuft noch bis zum 12.5. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Texten von Konrad Bitterli, Peter Weber und Pipilotti Rist. Parallel dazu sind Lutz/Guggisberg im Kunstmuseum Thun mit ihrem «Neupommerer Zimmer» noch bis zum 5.5. zu Gast.

Peter Weber wird zusammen mit Denis Aebli und Anton Bruhin an den Solothurner Literaturtagen auftreten, am Samstag 11.5. um 22 Uhr mit Texten, Maultrommeln und mit Lichtbildern von Andreas Züst (fluoreszierende Nebelmeere).

Im Rahmen der Projektreihe Paarläufe treffen sich Peter Weber, Andres Lutz und Anders Guggisberg im Kunstmuseum Thun am Sonntag 28.4. um 18 Uhr zu einer performativen Veranstaltung und am Mittwoch 29.5. um 20 Uhr im Literaturhaus in Zürich, Limmatquai 62.

Paarläufe – zwischen Kunst und Literatur finden auf verschiedenen Plattformen statt: als performative Veranstaltung, Heftbeilage und Ausstellung. Die Projektreihe ist konzipiert vom Literaturhaus Zürich und dem Kunst-Bulletin, zusammen mit dem Helmhaus Zürich und dem Kunstmuseum Thun.

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Lutz/Guggisberg 30.06.2000 - 31.07.2000 exposition

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