Philippe Winninger: J''aime le plastique

Philippe Winninger (*1956 in Marseille), Académie des Beaux Arts Marseille, Schule für Gestaltung Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
Foto: Ida Zängerle

Philippe Winninger (*1956 in Marseille), Académie des Beaux Arts Marseille, Schule für Gestaltung Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
Foto: Ida Zängerle

A bit of Atmosphere, 2000,
Installation Kleines Helmhaus Zürich
Foto: Regula Bearth

A bit of Atmosphere, 2000,
Installation Kleines Helmhaus Zürich
Foto: Regula Bearth

Fokus

Zur Kunst gehört seit jeher, dass sie der bestehenden Welt etwas Neues, so darin noch nicht Vorkommendes entgegensetzt. Die Unzufriedenheit mit dem, was ist, führt häufig auf direktem Weg zu einer Kritik am Status quo, doch braucht dies keineswegs zwingend zu sein: Neu und anders können auch Alternativen sein, die mit der realen Welt absolut friedlich koexistieren.

Philippe Winninger: J''aime le plastique

Intelligenz   Betritt man eine Ausstellung von Philippe Winninger, so kann ein erster Eindruck durchaus sein, dass hier eine Landung von Ausserirdischen stattgefunden haben muss. Halbtransparente, turmartige Gebilde wechseln ab mit knallbunten Modulen, alles will zunächst überhaupt keinen Sinn ergeben und vermag dennoch zu bezaubern. Auch ein zweiter Blick auf die krude Architektur tut dem bizarren Charakter des Ganzen keinen Abbruch, überraschend eigentlich, wenn man bedenkt, dass alles aus gänzlich irdischem Material wie Blumentopfuntersetzern, Weichspülerverschlusskappen, Plastikeimern und immer wieder transparenten Partybechern zusammengesetzt ist.

Der befremdende Eindruck hat ebenso wenig mit der Konfrontation mit dem vollständig noch nie Dagewesenen zu tun, wie mit einer künstlerischen Strategie, die sich um Formfindungen für Ausserirdisches bemühen würde; es ist die Verwendung von unspektakulären, bestens vertrauten Gegenständen in einem Arrangement, das dem normalen Gebrauch vollkommen zuwiderläuft, die hier verunsichert. Praktische Wegwerfobjekte, massenhaft herstellbar und deshalb normalerweise ungeeignet für jeden Objektfetischismus, sind nach einem undurchschaubaren Bauplan sorgfältig angeordnet, sie sind eingebunden in ein unbekanntes und überraschend konstruktives Organisationsschema. Während sich im Vorhandensein eines Bauplans ein intelligenter Wille äussert, so schwingt in der unmöglichen Decodierbarkeit ein befremdendes oder eben salopp gesagt ausserirdisches Moment mit: Gerade deshalb können aus dem trivialen, wertlosen Material auch Kostbarkeiten werden, die dem Betrachter unerwartet souverän und würdevoll gegenübertreten.

Leben   Die Anwesenheit von Intelligenz beschränkt sich in den Installationen zunächst auf die Repräsentation, da es sich unübersehbar um Artefakte und nicht um die Urheber derselben handelt. Durch die Kombination mit eigenwilligen Computeranimationen beginnt sich die Architektur jedoch gleichsam zu beseelen und oszilliert plötzlich zwischen Artefakt und Wesen. Die Animationen vermitteln in ihrer Einfachheit (noch) nicht den Eindruck wirklich intelligenter Schöpfer, scheinen aber von ihrer Konstruktion her diesbezüglich entwicklungsfähig zu sein.

Sowohl die vorkommenden Formen als auch die angedeuteten Austauschprozesse erinnern an elementare Baupläne für das Leben, so wie sie ein Blick durch das Mikroskop, beispielsweise auf Zellen, offenbart. Geschichten werden nur ansatzweise erzählt und die Dramaturgie beschränkt sich zumeist auf ein Set von Grundfunktionen, das einzelne Teile wachsen, die Farbe wechseln oder sich von einem Punkt zum andern bewegen lässt. Diese minimalen Bildprogramme werden von einfachen Actio-Reactio-Prozessen ergänzt, ausserdem von rhythmisch sich ausdehnenden und wieder zusammenziehenden geometrischen Formen, die dergestalt zu atmen scheinen. Hin und wieder fügen sich die verschiedenen Einzelteile zu humanoiden Wesen zusammen oder werden zu Gliedmassen, die in dem durch sie gebildeten Organismus frei flottieren können: Lebewesen und Gesichter werden derart angedeutet, allerdings nicht festgefügt wie bei uns Menschen, sondern als eine von zahlreichen möglichen Zusammenstellungen innerhalb eines riesigen, virtuellen Kolloids. Die Mobilität der einfachen Formen erlaubt es dabei, Teile eines Menschen zu etwas völlig anderem werden zu lassen, was an die nüchterne, wenngleich bestechende Weltanschauung erinnert, die alles Existierende auf eine entsprechende Anordnung der immer gleichen Atome und Moleküle zurückrechnet.

Der Eindruck von Leben entsteht so auch auf zweierlei Art und Weise: Erstens, und sehr direkt, durch die Verwendung humanoider Formen und Funktionen, zweitens durch die Verschaltung autonomer kleiner Teilwelten, die eine Art neuronales Netz bilden und damit an frühe Stufen eines Bewusstseins erinnern. Diese Vernetzungen sind allerdings nicht auf die Animationen beschränkt, sondern verlängern sich über formale Entsprechungen bis in die Installationen hinein. Würden die Verschaltungen eines Tages nur hinreichend komplex werden, so scheint sogar der Entstehung eines künstlichen Bewusstseins nichts mehr im Wege zu stehen: Philippe Winningers Arbeiten vermitteln nie den Eindruck von Einzelstücken, viel eher bilden sie gemeinsam ein zu unserer gewohnten Realität paralleles Universum, in dem sie kompatibel sind, sich miteinander austauschen und fortentwickeln können.

Sprache   Die Installationen scheinen auf den ersten Blick wohl unzugänglich zu sein, doch spielen Sprache und Kommunikation eine wichtige Rolle. Dies gilt nicht zuletzt für den künstlerischen Entwurfsprozess, bei dem es nicht einfach um die Verlängerung der eigenen Vorstellungen hinein in die Welt des Computers geht, sondern um die Auseinandersetzung mit der darin herrschenden digitalen Logik. Die unüblichen Formfindungen entsprechen oftmals sicht- und hörbaren Umsetzungen von Befehlen in Turbopascal direkt durch den Computer und wären mit konfektionierter Software, selbst bei einer noch so virtuosen Handhabung, nur schwer zu generieren.

In den fertigen Arbeiten macht sich der Wunsch nach Austausch auf verschiedene Art und Weise bemerkbar. In, «A bit of Atmosphere», 2000, Philippe Winningers erster interaktiver Installation, konnte sich der Betrachter beispielsweise per Computermaus durch verschiedene digitale Welten klicken und die darin beheimateten Technoide manipulieren; die Eingriffe hatten sichtbare Konsequenzen, wodurch der Betrachter in einen spielerischen Dialog mit der Animation trat. Um Kommunikation geht es freilich auch, wenn das Erscheinen von Gesichtern in den Animationen immer wieder von Sprechakten begleitet wird. Ein gutes Beispiel dafür ist «Jouvence», 2001, ein 35-mm-Filmband, das als Vorprogramm für ein kommerzielles Kino gedacht ist. In drei Sequenzen fügen sich hier jeweils einfache Formen zu einem Gesicht zusammen, welches mit artifiziellen und schrillen Piepstönen zu sprechen beginnt, ehe es sich wieder in seine Grundbestandteile auflöst. Noch ein gutes Stück abstrakter geht es schliesslich in Animationen wie, «Oursin», 1998, zu und her, wo das Kommunikationsangebot nur noch plötzlich auf dem Bildschirm erscheinende Zahlenfolgen beinhaltet, die ihrerseits maschinellen Abläufen entsprechen. Man fühlt sich an die menschlichen Versuche einer Kontaktaufnahme mit ausserirdischen Wesen erinnert, zwecks deren wir seit Jahren mathematische Reihenentwicklungen und Algorithmen ins Weltall senden. Mit dem Unterschied freilich, dass wir bei Philippe Winninger nicht Sender, sondern Empfänger sind.

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