«Public Affairs - Von Beuys bis Zittel» im Kunsthaus

San Keller · San Keller trägt Sie hoch zur Kunst, 2002
Videostill des Testlaufs, © 2002 San Keller

San Keller · San Keller trägt Sie hoch zur Kunst, 2002
Videostill des Testlaufs, © 2002 San Keller

Besprechung

Die Kuratorin Bice Curiger stellt Arbeiten von rund sechzig Künstlern und Künstlerinnen aus den sechziger Jahren bis heute vor. Sie wurden unter dem Titel «Public Affairs» zusammengefasst, wobei das Öffentliche hier vor allem als eine Begegnung mit Menschen und eine Beschäftigung mit der Stadt, ihrer Architektur, ihren Strassen und ihren Medien verstanden werden kann.

«Public Affairs - Von Beuys bis Zittel» im Kunsthaus

Wer, vom Titel ausgehend, den Fokus auf «Kunst im öffentlichen Raum» und zudem eine selbstreflexive Praxis erwartet hatte, der sah sich einigen Enttäuschungen ausgesetzt. Der white cube wird geradezu als Endpunkt, in den alle Ausbruchsversuche wieder einmünden, zelebriert. Wenn man das Museum aber als ebendiese Forschungsstelle akzeptiert, in der alle Aussendienstexperimente und Feldrecherchen letztlich wieder zusammenkommen, dann kann man in dieser Ausstellung einiges entdecken. Eine Leitlinie der Ausstellung lässt sich als die Begegnung mit und von Körpern verfolgen. Im Film «Meat Joy» (1963) von Carolee Schneemann (*1939, USA) beispielsweise führen fast nackte junge Männer und Frauen wie in einem ritualisierten Tanz die sexuelle Befreiung vor. Fern, rauschhaft und romantisch mutet solch dionysisches Gebaren an, wenn man es mit einer Aktion des Zürcher Künstlers San Keller (*1971) vergleicht, der fast vierzig Jahre später seinen Körper einbringt. Keller ist mit ganz Unpathetischem und Unspektakulärem beschäftigt. Indem er an Arbeitsplätzen verschiedener Leute schläft, bringt er eine leibliche Komponente in deren gestressten Alltag ein. Er schläft und sie beschützen ihn stundenlang und können derweil ihr auf Effizienz ausgerichtetes Bewusstsein nie ganz von der Präsenz verletzlicher Menschlichkeit befreien. Im Kunsthaus hat Keller Besucher die Treppe hochgetragen, Männer auf dem Rücken geschleppt, Kinder auf die Schultern gesetzt und (schmale) Frauen auf seine Arme gebettet. Fast alle waren nach dem ungewohnten Körperkontakt seltsam
heiter und irgendwie berührt. Dieter Meier inszenierte Vergleichbares, aber ohne Dienstleistungstouch, bereits vor mehr als dreissig Jahren. Der Zürcher Künstler, der sich «Anreger» nannte, füllte 1969 vor dem Kunsthaus Metallstücke in Säcke um, eine Sisyphosarbeit, bei der ihm ein trauriges Ehepaar zuschaut. Dann wieder forderte er Passanten gegen einen Dollar Bezahlung zu einer klaren Stellungnahme in Form eines geschriebenen YES oder NO heraus. Weiterhin sind Körperausmessungen von Valie Export zu sehen, George Segals Stadtstreicher liegen auf dem Boden herum, Jan Anüll hat monochrome Stoffe als wären es Körperrastplätze unter dem Label NSZ (für Notschlafstelle Zürich) arrangiert und Gerda Steiner hebt weltweit vergnügte Leute in die Luft. Neben dieser Körperlinie gibt es verschiedene andere Spuren der Repräsentation des Öffentlichen zu entdecken. Bis zum 6.10. war ausserdem die Ausstellung «Here ist New York: A Democracy of Photographs» zu sehen. Es handelt sich um Fotos, die im Kontext des 11. September entstanden sind. Der Verkauf dieser eingescannten Dokumente, ebenso wie der des eindrücklichen zugehörigen Buches (Scalo Verlag, 88.– Fr.) wird für karitative Zwecke verwendet.

Jusqu'à 
30.11.2002

Publicité