Valentin Merle – Neo-Geo, handwerklich, nachhaltig und wunderschön

Valentin Merle, 162 Quarts de Cercle, 2021, Cyanotypie auf Papier, 70 x 60 cm

Valentin Merle, 162 Quarts de Cercle, 2021, Cyanotypie auf Papier, 70 x 60 cm

Valentin Merle, Marquer le temps, 2022. Foto: Der Künstler

Valentin Merle, Marquer le temps, 2022. Foto: Der Künstler

Valentin Merle, De l'eau aux cendres, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: Die Autorin

Valentin Merle, De l'eau aux cendres, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: Die Autorin

Valentin Merle, De l'eau aux cendre, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: Die Autorin

Valentin Merle, De l'eau aux cendre, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: Die Autorin

Valentin Merle, De l'eau aux cendre, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: die Autorin

Valentin Merle, De l'eau aux cendre, Le Manoir – Centre culturel de Martigny, Ganioz Project Space, 2022 (Ausstellungsansicht). Foto: die Autorin

Valentin Merle – Neo-Geo, handwerklich, nachhaltig und wunderschön

Martigny – Vor allem welsche Kunstschaffende beweisen es immer wieder: Die Abstraktion bleibt mehr als ein Jahrhundert nach ihrer radikalen Reduktion auf Grundformen selbst um diesen scheinbaren Nullpunkt herum entwickelbar, erneuerbar. Der stets in Genf lebende und arbeitende John M. Armleder (*1948), von wo aus er jedoch Jahrzehnte an der Ecole cantonale d’art Lausanne/ECAL lehrte, hat der Szene an den Gestaden des Genfersees in den 1980er Jahren mit der im Rückgriff auf Marcel Duchamp theoretisierten (Wieder-)Aneignung der Ikonen ‹Schwarzes Quadrat›, 1915, ‹Schwarzer Kreis›, 1923, u. s. w. von Kasimir Malewitsch eine Sprache eröffnet, in der sich von jüngeren Kunstschaffenden auch deshalb nach wie vor perfekt gut neue Argumente anbringen lassen, weil sie zu einem Latein geworden ist, das selbst von einem breiten Publikum zumindest verstanden wird. Entsprechend lässt sich im Übrigen hier wohl auch von einer Schulbildung sprechen, wie solche in der Schweiz bislang eher selten gewesen sind. Vielleicht muss man bis zu Ferdinand Hodler zurückkehren, um eine Figur zu finden, die gleich mehreren Generationen jüngerer Maler und Malerinnen ein Vokabular und eine Grammatik lieferte. Wie auch immer, noch dieses Wochenende ist im Manoir – Centre culturel de Martigny/MCCM mit Valentin Merle (*1993, lebt und arbeitet in Genf) eine erst seit 2018 in die Öffentlichkeit getragene Neo-Geo-Position zu sehen, die ästhetisch besonders weitgreifend und überzeugend aktuelle Sensibilitäten ausformuliert. 

 

Bescheidene Gesten

Der an Kunst- und Designschulen in Brüssel und Sierre ausgebildete Plastiker pflegt dezidiert eine minimalistische, repetitive und serielle Produktionsweise, die er jedoch im Gegensatz zu vielen Figuren dieser Schule weder an Maschinen noch an Assistenten und Assistentinnen delegiert, um alles Handschriftliche, darunter das eigene, zu vermeiden und das Konzept möglichst «rein» aufscheinen zu lassen. In Valentin Merles Werk wird die Inkarnation der künstlerischen Vision vielmehr als ausschlaggebendes Moment der Kreation exponiert und revalorisiert, ohne in etwas Genialisches abzukippen. Der Künstler zelebriert vielmehr mit den eigenen Händen bescheidenen Gesten – Gesten, wie sie zu Hauf auch im Alltag vorkommen, aber dennoch eine gewisse Disziplin voraussetzen, nicht nur gelernt, sondern auch geübt sein wollen, wenn sie sitzen sollen. Wunderschön kommt dies in der von ihm durch das Nebeneinandersetzen einfacher Drehbewegungen entstandenen Cyanotypie ‹162 Quarts de Cercle› zum Ausdruck, mit der das MCCM für seine unter dem Titel «De l’eau aux cendres» gezeigte Ausstellung im Ganioz Project Space/GPS wirbt.

 

Bescheidene Materialien

In den meisten seiner Arbeiten unterwirft Valentin Merle darüber hinaus das Arbeitsmaterial einer Überprüfung, die viel weiter geht, als nur dem Imperativ zu genügen, ökologisch zu produzieren. Dies ist für die gewissenhafteren Vertreter und Vertreterinnen seine Generation von Anfang an selbstverständlich gewesen, weshalb viele dieser Millennials (die in den 1980er und 1990er Jahren Geborenen) und die im Moment volljährig werdenden Jahrgänge bereits dieses Jahrhunderts auch zunehmend ungehalten sind über die insofern oft nur Lippenbekenntnisse älterer Politiker und Politikerinnen und anderer Kapitäne und Kapitäninnen, nachdem sie lange das Problem hinuntergespielt hatten. Statt mit einer durch die Petrochemie nach theoretischen Farbzirkeln entwickelten Palette oder aber bereinigten und nicht selten tatsächlich so gut wie weissen Künstlermaterialien (Papier, grundierte Leinwand, Gips, Marmor) zu operieren, erkennt Valentin Merle im Rückgriff auf die oft sehr partikulären, schwierig zu benennenden, oft etwas unregelmässigen Farben, Formen und Texturen, die er in der Natur vorhandenen oder gebrauchten und vor der Entsorgung stehenden Materialien in nächster Nähe des Ateliers oder Ausstellungsort findet, auch einen Weg, um aus den fixen Ideen herauszutreten, wie sie uns oft heimholen, und spielerisch zu vollkommen neuen Konstellationen vorzudringen.

 

Spannung und Reichtum trotz Verzicht

In dem einen der beiden länglichen Säle des GPS, die durch einen kurzen seitlichen Gang verbundenen sind, ist die Galeriebeleuchtung an der Decke ausgeschaltet. Valentin Merle richtete stattdessen ein Scheinwerfer so auf die aus einer Tropfvorrichtung über einem Wasserbecken bestehende Installation ‹Marquer le temps›, 2022 dass sie die Wasserringe an die als einzige nicht dunkelgrau gestrichene Wand gegenüber dem Gang spiegelt. 

Im Zentrum des anderen rundum dunkelgrau gestrichenen Saals des GPS errichtete der Künstler dagegen eine fünfteilige Konstruktion aus entrindeten Ästen, die ‹Marquer le temps›, 2022, subtil aufgreifen: Wasser wird von den Bäumen zum Wachsen gebraucht, das horizontal in Jahrringen stattfindet, die jedoch – von vielen Faktoren abhängig – viel weniger regelmässig ausfallen als Wasserringe. Aufgrund der beiden ein Mittelstück flankierenden Türmen verweist diese Konstruktion jedoch zugleich auch auf die Disposition dieses Saals selbst, der zwei Fenstern in je einer Nische an einer der beiden Längswände aufweist. Weiter hängte Valentin Merle ein langes Tuch über Eck von der gegenüberliegenden Längswand zur Stirnwand auf, auf das er nach dem Zufallsprinzip innerhalb eines Rasters mit monochromen Scheiben in drei Grössen mit zwei der Pigmente bemalt hatte, die er aus dem gleichen Holz wie die Äste der Konstruktion gewinnen konnte. Die grössten Scheiben, die aneinanderstossen, hielt er dabei in einem hellen, warmen und deshalb fast golden wirkenden Ocker, die anderen beiden kleineren, die entsprechend etwas oder viel mehr leeren Grund in ihrer Umgebung aufweisen, in einem dumpfen, stumpfen Olive. Trotz der Einfachheit der Komposition dieses Wandbehangs entsteht damit ein Bild, das einen differenzierten Raum aufstösst. Die ockeren Scheiben drängen sich optisch in den Vordergrund und halten die Oberfläche zusammen, während man die olivenen Scheiben in zwei unterschiedlichen Distanzen davon wahrnimmt. 

Auf eine Leiste zwischen den Fensternischen wie auch auf den hellgrauen Boden setzte Valentin Merle schliesslich je fünf Teller mit dem gleichen Durchmesser wie die ockeren Scheiben auf dem Tuch, die den Reichtum und die Spannung in diesem Raum nochmals enorm steigern. So hatte er diese Teller wie die am Horizont untergehende Sonne abgesehen von einem auf unterschiedlicher Höhe abgeschnitten und teils weiter durch die Glasuren konzentrisch oder horizontal gegliedert. Ein sehr ähnliches Ocker wie auf dem Tuch findet sich dabei kombiniert mit Milchweiss und nicht zuletzt Altrosa. So setzt diesr Ton einen komplementären Akzent zum Olivengrün und den anderen eher neutralen Farben.

 

Eine Arbeit an neuen Grundnarrationen

Die Nähe nicht nur der Gesten und der Materialien von Valentin Merle zum Alltag, sondern auch oft der damit hervorgebrachten Setzungen wie hier vor allem Häusliches macht deutlich, dass nicht einfach nur seinen ökologischen Fussabdruck als Künstler zu verringern sucht, sondern er die Veränderung unserer Lebensform im Auge hat. Der Künstler leistet so einen wesentlichen Beitrag zu den neuen Grundnarrationen, die wir dringend zur Bewahrung des Lebendigen brauchen, ohne dabei jedoch in einen Konservatismus zurückzufallen. Valentin Merle arbeitet vielmehr an einer Erneuerung der Moderne, die in ihr eingeschriebene Tugenden wie Ökonomie und Rationalität nicht für ein exzessives Produzieren und Akkumulieren einsetzt, sondern um möglichst viele der menschlichen Bedürfnisse und darunter nicht zuletzt die kulturellen aus Stoffen derjenigen Umgebung zu decken, in der man sich gerade befindet. 

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