Kantiger Regenbogen

Yoshitomo Nara (*1959 in Hirosaki, lebt in Tokio) und Hiroshi Sugito (*1970 in Nagoya, lebt in Nagoya). Atelieraufnahme in Wien, 2004, alle Fotos Courtesy Galerie Zink & Gegner, München

Yoshitomo Nara (*1959 in Hirosaki, lebt in Tokio) und Hiroshi Sugito (*1970 in Nagoya, lebt in Nagoya). Atelieraufnahme in Wien, 2004, alle Fotos Courtesy Galerie Zink & Gegner, München

White Night, 2004, Acryl auf Leinwand, 80 x 65 cm

White Night, 2004, Acryl auf Leinwand, 80 x 65 cm

Fokus

Die japanischen Künstler Yoshitomo Nara und Hiroshi Sugito sind Freunde. Im Sommer 2004 war Nara nach Wien geladen, ins Gastatelier der Österreichischen Galerie Belvedere im Augarten, und nahm seinen Kollegen gleich mit. So haben beide ihre Ateliers in Nagoya und Tokio gegen ein fremdes, aber gemeinsames Studio getauscht, um einen neuen malerischen Ansatz zu erproben. Entstanden ist eine poetische Manifestation von Kindheit und Phantasie, die sich an Motiven und Szenen des berühmten Filmmusicals «The Wizard of Oz» orientiert.

Kantiger Regenbogen

Zum Wunderland von Yoshitomo Nara und Hiroshi Sugito

Japaner sind die besseren Liebhaber, behauptete eine alberne deutsche Kinoproduktion vor einigen Jahren, verwies jedoch auf das Erfolgsmoment der japanischen Wirtschaft. Moderne Kunst, vor allem die der Gegenwart spielt jedoch im fernen Japan leider keine Rolle, so dass die jungen Künstler meist im Ausland studieren oder ihre Karriere im Westen beginnen müssen. Auch einer der Superstars der japanischen Popkultur, Yoshitomo Nara, studierte bei Buthe und Penck in Düsseldorf und lebte bis 2000 in Köln. Der elf Jahre jüngere Hiroshi Sugito studierte in Japan und wurde hier durch die Berliner Galerie Arndt & Partner bekannt.

Das scheinbar für Wien spontan entwickelte Kooperationsprojekt breitet sich in München dank der Pinakothek der Moderne und der nahen Galerie Zink & Gegner aus und besitzt eine lange Vorgeschichte, die 1986 begann. Der damals 27-jährige Nara war in Nagoya als Zeichenlehrer tätig, um eine Reise zur Fortsetzung des Kunststudiums an der Düsseldorfer Akademie zu finanzieren; der elf Jahre jüngere Sugito, soeben mit seinen Eltern aus New York zurückgekehrt, nahm bei Nara Zeichenunterricht. Lehrer und Schüler freundeten sich an und beschlossen, in ferner Zukunft einmal gemeinsam auszustellen. Wann und wo war unklar, nur der Titel stand damals bereits fest: «Over the Rainbow», wie der berühmte Song aus dem Hollywood-Klassiker «The Wizard of Oz», 1939, mit Judy Garland in der Hauptrolle.

In Wien entstanden total abgeschieden und in kurzer Zeit rund 35 Gemeinschaftsbilder, in denen die formal höchst eigenständigen künstlerischen Ansätze zu einer suggestiven Synthese gelangen. Bei Zink & Gegner war zugleich das gemeinsame Atelier ausgestellt. Die für Nara typischen chiffrehaften Bilder kindlicher Figuren verschränken sich mit der zarten, pastellartigen Raum- und Landschaftsmalerei von Sugito. Kindlich traumatische Haltung und traumhaft lyrische Welterfahrung treffen in den Augen und Bildräumen der Identifikationsfigur, Dorothy aus «The Wizard of Oz», zusammen. Im Film - und im Traum - gerät die kleine Dorothy in das farbenprächtige Land Oz und kann mit ihren Weggefährten, einer Vogelscheuche, einem Zinnmann und einem ängstlichen Löwen zum mächtigen Zauberer vordringen, der ihre Wünsche zwar nicht erfüllen kann, sie jedoch zur Selbsthilfe anleitet.

Yoshitomo Nara stellt seine Figuren in das reale Reich der Phantasie. Im Gewand von Manga, Kinderbuchillustration und Spielzeugpuppen vermitteln die kleinen, oft grimmig dreinblickenden Figuren das Nebeneinander von heiler Welt und Abgründen. Hiroshi Sugito schuf während der letzten zehn Jahre Gemälde, auf denen Grosses in Kleines verwandelt wird und umgekehrt. In bühnenartigen Szenarien entstehen geheimnisvolle Verbindungen zwischen innen und aussen. Nara behandelt Sehnsüchte, Ängste und Verlassenheit. Diese werden in den in Vereinzelung dargestellten, niedlichen Kindern oder Hunden als Repräsentanten einer als bedrohlich empfundenen Welt körperlich. In Sugitos Bühnenräumen rahmen häufig Vorhänge den Blick in eine fremdartige Welt, und die Bühnen selbst geben Raum für Illusion und Verwandlung. Eine ideale Ausgangsbasis, das Werk beider Künstler zu verbinden: Die Malerei wird so mit einer emotionalen Tiefe aufgeladen, in der die Figuren und Räume zur Metapher einer illusionistischen und geheimnisvollen Welt verschmelzen, welche die kühle «Superflat»-Ästhetik, mit der die beiden japanischen Künstler häufig assoziiert werden, in weite Ferne rückt.

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