Laura Kikauka im Marstall München

Laura Kikauka/Gerhard Stäbler · Time for Tomorrow, 1999; Foto: Constance Hanna; Courtesy Marstall München

Laura Kikauka/Gerhard Stäbler · Time for Tomorrow, 1999; Foto: Constance Hanna; Courtesy Marstall München

Besprechung

Die Kanadierin Laura Kikauka wurde 1963 als Kind lettischer Eltern geboren. Nach ihrem Studium am Ontaria College of Art gründete sie mit anderen Gleichgesinnten die «Funny Farm», eine Art menschliches und technisches Laboratorium. Seit 1992 lebt Kikauka in Berlin. Im Marstall zeigt sie ihr belebtes Environment «Time for Tomorrow» in 25 futuristischen Akten.

Laura Kikauka im Marstall München

In gewissem Sinne ist Laura Kikauka eine Wanderin zwischen den Welten. Kunst und Leben, Spass und Ernst lassen sich in ihren Arbeiten nie so ganz voneinander trennen. Von chronischer Sammlerwut besessen, sieht sie in Super- und Flohmärkten genauso wie in Abfallhalden temporäre Museen als ein Ausdruck der Kultur unserer Zeit. Konsequent in diesem Gedanken wurde ihre «Funny Farm» in Kanada zu einem Sammlerort alles Überflüssigen und wertlos oder unnütz gewordenen Dingen, die sie von vielen Reisen und aus allen Herren Länder zusammengetragen hatte. Aus all dem Trash und Trödel, der mittels einer hochspezifischen Technik miteinander vernetzt wurde, entstand eine gigantische interaktive Installation. Aus Türen, Teppichen, Müll und Möbeln wurden elektronisch «lebende» Skulpturen. Immer auf der Spur des Absurden im Alltäglichen schuf sich Laura Kikauka ihr eigenes Environment, ihren Lebensraum, der auch nicht vor ihrer eigenen Person haltmacht. So belädt sie sich mit den Resten unserer Gesellschaft, als würde sie diese als Schmuck tragen. Dann wird sie zum Kunstwerk, das mit Motoren, Transistoren oder Lampen behängt, an öffentlichen Plätzen auftaucht. Ausserhalb des geschützten Kunstraumes will sie ihre «Wearable Art» tragen, Kunst ins Leben und umgekehrt. Kikauka erscheint dann wie ein zum Standbild gefrorener Musikvideoclip, in dem sich die schnell geschnittenen Einzelsequenzen zu einem kompakten Bild überlagern. 1992 kam Laura Kikauka nach Berlin. In der vom Umbruch bestimmten Metropole fand sie das Ambiente, in dem sie als Techno-Nymphe oder Profi-Bastlerin den Dingen auf den Grund gehen konnte. Im selben Jahr verliess eine amerikanische Künstlerin Berlin. Colette, welche die reale Wahrnehmung übersteigert hatte, die Sein und Schein direkt ineinander fliessen liess und sich ohne alle Hemmschwellen quer durch alle Stilrichtungen lebte, erklärte das Trivialste des Trivialen, sich selbst, zum Kunstobjekt. Konsequenter als Colette aber nicht so effektsicher wie Jeff Koons, der ehemalige Colette-Zögling, setzt Laura Kikauka Trash und Trödel als Ikonographie einer Nippes-Ästhetik ein, der man sich schwer entziehen kann, weil sie so alltäglich ist. Auch nicht, wenn sie in «Time for Tomorrow» in 25 futuristischen Akten Bilder für morgen aus denen von gestern schafft, im Wissen darum, dass das Alte immer das Neue ist, und umgekehrt.21. bis 30. 01. Permanente Installation «Bauhütte Gemütlichkeit» im Rahmen von «Schmalzwald», Fr/Sa, jede Woche, Schlegelstr. 26–27, Berlin, ab 21 Uhr.


Until 
29.01.1999
Artisti
Laura Kikauka
Author(s)
Anne Maier

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